Fridays for Future, Kohleausstieg und Klimapaket: So denken die Deutschen über die Energiewende

Die Spaltung der Gesellschaft und die Polarisierung von Themen ist ein Thema dass viele Menschen beunruhigt. Nur wenige Themen erhitzen die Gemüter so sehr, wie die Energiewende und Klimaschutz – so bekommt man zumindest oft den Eindruck. Doch um es genau zu wissen, muss man auch genau hinsehen. Welchen Gruppen stehen der Energiewende besonders kritisch gegenüber? Verändert sich das mit dem Alter? Gibt es regionale Unterschiede? Inwieweit spielt Einkommen eine Rolle? Mit derlei Fragen beschäftigt sich seit drei Jahren das so genannte Energiewende-Barometer. Mit einem umfangreichen Fragenkatalog erforschen Wissenschaftler*innen in einer sozialwissenschaftlichen Studie, für wie gerecht die Deutschen die Energiewende halten. Dazu wurden Ende 2019 wurden in einer bundesweit repräsentativen Längsschnittbefragung 6549 Haushalte zu ihrer Meinung zu unterschiedlichen Themen im Kontext der Energiewende und Klimaschutz befragt. Im dynamis Gespräch erläutert Ingo Wolf zentralen Ergebnisse und Trends, die sich abzeichnen.

 

Herr Wolf, das Jahr 2019 war ja sehr stark geprägt von Greta Thunberg und den Fridays for Future“ – Demonstrationen, die viele Menschen auf die Straße gebracht haben, um für mehr Klimaschutz zu protestieren. Wie bildet sich das im Barometer ab?

 

Durchaus bemerkenswert ist, dass es gar nicht so eine umfassende Zustimmung in der Bevölkerung zu Fridays for Future gibt, wie man vielleicht meinen mag. Nicht einmal die Hälfte unserer Befragten sagen, dass sie die Bewegung grundsätzlich gut finden. Was relativ große Zustimmung erfährt, ist, dass die Demonstrationen starke politische Funktion haben und insbesondere das Thema Generationengerechtigkeit ins Bewusstsein gespielt haben. Viel Skepsis gibt es bei dem Thema „Recht auf Demonstrationen“ auch während der Unterrichtszeit. Da findet sich keine Mehrheit dafür beziehungsweise tendenziell eher eine ablehnende Haltung. Wenig überraschend ist die Zustimmung hierzu bei Eltern niedriger als bei Kinderlosen, ältere Personen sind skeptischer als Jüngere.

 

In den vergangenen Jahren kam das Energiewende-Barometer immer zu dem Ergebnis, dass der die deutschen Bürgerinnen und Bürger die Energiewende, quer durch alle Bildungs-, Einkommens- und Altersgruppen und politischen Präferenzen, auf dem Land wie in den Städten befürworten. Ist das immer noch so?

 

Ja, die allgemeine Zustimmung zur Energiewende ist in der deutschen Bevölkerung weiterhin sehr hoch. Bei der Bewertung der Umsetzung der Energiewende nimmt jedoch die Anzahl der Kritiker*Innen immer weiter zu. Im Fokus der Kritik stehen die Aspekte Kosten, politische Planung und Gerechtigkeit. Beispielsweise fanden 2017 66 Prozent der Befragten die Energiewende zu teuer, mittlerweile sind es schon 79 Prozent.

 

Im Zusammenhang der Kosten der Energiewende wird in den Medien zunehmend auch wieder über die Atomenergie diskutiert. Der Spiegel hatte kürzlich einen großen Aufmacher dazu, auch die Zeit hatte viel beachtete Kommentare. Lässt sich dazu auch etwas im Barometer ablesen?

 

Das ist spannend: Das Thema findet viel im öffentlichen Diskurs statt, obwohl der Atomausstieg eigentlich schon entschieden ist und gesetzlich ein klarer Pfad vorgegeben wurde. Vor fünf bis zehn Jahren gab es in der Bevölkerung eine klare, mehrheitliche Orientierung pro Atomausstieg. Er findet auch immer noch bei dem Großteil der Befragten Zustimmung, die sich aber in den letzten drei Jahren im Energiewende-Barometer zunehmend reduziert hat. Im Jahr 2017 lag die Zustimmung der befragten Haushalte noch bei fast 70 Prozent. Die ist mittlerweile auf 56 Prozent runtergegangen. Das sind keine kritischen Verschiebungen, aber es zeichnet sich in diesem Punkt eine annähernd lineare Tendenz von 2017 bis 2019 ab.

 

Wie sieht es denn beim Thema Kohle aus?

 

Da geht der Trend unter den Gegnern in eine ähnliche Richtung; er ist jedoch schwächer ausgeprägt. Der Ablehnungsanteil ist von 2017 bis 2019 von 11 auf 14 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich jedoch der Anteil der Befürworter*innen von 2017 bis 2019 auf hohem Niveau stabilisiert, er ist in diesem Zeitraum sogar leicht angestiegen (von 63% auf 64%). Bei genauerem Blick zeigen sich jedoch deutliche Meinungsunterschiede zwischen den Ost- und Westbundesländern: Die Hälfte der Ostdeutschen (51%, – 2 Prozentpunkte) befürwortet den Kohleausstieg, unter den Westdeutschen liegt der Anteil mit 68% deutlich höher (+ 1 Prozentpunkt). Das bedeutet, dass die beschlossenen Maßnahmen der sogenannten Kohlekommission mit dem Ziel die unterschiedlichen Interessen der Akteure in diesem Bereich auszugleichen und den Kohleausstieg sozialverträglich zu gestalten, nicht unmittelbar zu einem messbaren, positiven Meinungsumschwung – insbesondere in den betroffenen Regionen in Ostdeutschland – geführt hat.

 

Das ist natürlich nicht so überraschend. Die östlichen Bundesländer sind vom Kohleausstieg ja auch stärker betroffen.

 

Das stimmt natürlich. Aber man muss auch sagen, dass solche Einstellungen weniger davon geprägt werden, wo jemand wohnt, welches Alter, Bildung oder über welches Einkommen die Person verfügt. Der stärkste Faktor ist in vielen Fällen die sogenannte Parteiidentifikation, also eher die ideologische Orientierung der Menschen. Das heißt in diesem Fall, die geringsten Zustimmungsraten für den Kohleausstieg finden sich Personen, die sich stark mit der AfD identifizieren beziehungsweise sich selbst als eher rechts einstufen. Bei Personen, die sich eher mit den Grünen und Linken assoziieren, findet der Kohleausstieg die höchsten Zustimmungsraten.

 

2019 wurde das so genannte „Klimapaket“ beschlossen. Darin geht es sehr stark um Mobilität, weil das der Sektor ist, der noch gar nichts zur Treibhausgasminderung beigetragen hat. Wie finden die Deutschen das?

 

Hierzu haben wir ein relativ umfangreiches Maßnahmenpaket abgefragt. Ausbau des Nahverkehrs, Ausbau des Bahnfernverkehrs, vergünstigte Bahntickets, Ausbau des Radverkehrs: das sind alles Maßnahmen, die ein Großteil der Menschen in Deutschland befürwortet. Die Zustimmungsraten liegen hierbei zwischen 73 und 92 Prozent. Das ist ein sehr klares Zeichen für den gesellschaftlichen Wunsch nach klimaverträglichen Alternativen zur PKW-orientierter Mobilität.

 

Das sind aber auch alles Maßnahmen, die individuell betrachtet erstmal nicht besonders schmerzhaft sind – also nicht unbedingt eine Verhaltensänderung ergeben, oder?

 

Das stimmt. Bei der Befragung zeigt sich weiterhin der Trend, den man aus der Sozialpsychologie kennt, also diese berühmte Lücke zwischen Wissen und Handeln. Die Leute wissen natürlich schon, dass die vielen Autoabgase ein Problem sind. Dennoch stößt in der Befragung der Vorschlag von Verbot von Autos mit herkömmlichen Motoren ab 2030 – wohlgemerkt nur bei Neuzulassungen – auf eine sehr hohe Ablehnungsrate von 66 Prozent. Das eigene Auto, das konventionelle Auto mit Verbrenner, steht nach wie vor sehr hoch im Kurs und die Angst davor, dass dieses alternativlos abgeschafft wird, ist groß. Natürlich hängt das auch damit zusammen, dass sehr viele Menschen schlicht darauf angewiesen sind und Alternativen bislang noch rar. Die Lösungen, die wir diskutieren, beziehungsweise auch in der Wissenschaft beforschen, beziehen sich meistens auf den städtischen Raum. Dort haben Menschen natürlich andere Wege, andere Bedürfnisse und bereits relativ viele Mobilitätsalternativen im Vergleich zu den ländlichen Regionen. Auf dem Land werden noch die meisten Kilometer mit dem Auto zurückgelegt und dort ist auch der durchschnittliche Pkw-Besitz noch am höchsten. Busse mit einer vernünftigen Taktung, falls es überhaupt einen gibt, oder andere Möglichkeiten Mobilität flexibel zu gestalten, gibt es in bestimmten Regionen kaum.
Maßnahmen gegen den Autoverkehr sind aber nicht nur auf dem Land unbeliebt. Auch Vorschläge wie Zufahrtsbeschränkungen für Pkws in Innenstädten finden bislang keine mehrheitliche Zustimmung.

 

Aber ist es dann wirklich ein positives Zeichen, wenn nur Maßnahmen wie der ÖPNV-Ausbau befürwortet werden?

 

Doch, schon. Man braucht ja erstmal ein alternatives Angebot, damit sich jemand wirklich vorstellen kann, auf das eigene Auto oder zumindest den Zweitwagen zu verzichten. Da ist noch viel Nachholbedarf. Städte wie zum Beispiel Wien, die ja eine sehr geradlinige Politik gemacht haben in Bezug auf ÖPNV-Ausbau und Aufwertung und Verbesserung des Fuß- und Radverkehrs, zeigen einen substanziellen Modal-Shift. Diese Maßnahmen haben durchaus bedeutsame Veränderungen des alltäglichen Mobilitätsverhaltens der Bevölkerung ausgelöst.
Das zeigt, wenn das Angebot erstmal da ist, dann lernen die Leute auch sehr schnell und sind bereit ihr Verhalten zu verändern. Das gilt übrigens auch für die Elektromobilität. Da herrscht viel Unsicherheit und Angst etwa hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Technologie und ob die Reichweite der Fahrzeuge für die Mobilitätsbedürfnisse im Alltag ausreichend ist. Viele Studien zeigen jedoch, dass sich diese Befürchtungen bereits nach kurzer Zeit der Nutzung auflösen. Wenn Menschen die Möglichkeit haben, E-Autos im Alltag ausprobieren und eigene Erfahrungen sammeln können, bemerken viele sehr schnell, dass diese Vorbehalte unbegründet sind.

 

Wie sieht es denn mit dem Aufreger-Thema Tempolimit aus?

 

Für ein Tempolimit sprechen sich mehr als die Hälfte (52%) der deutschen Haushalte aus. Interessanterweise ist der Zustimmungsanteil für diese Maßnahme im Vergleich der Altersgruppen unter den jungen Menschen (zw. 18-29 Jahren) mit 37% am niedrigsten und bei Personen über 60 Jahre (58%) am höchsten.

 

Gibt es im Bereich Mobilität noch eine Erkenntnis, die sich vielleicht überrascht hat?

 

Ja, zum Beispiel der Bereich Subventionen von E-Autos. Die Akzeptanz solcher Maßnahmen ist gar nicht so hoch, wie wir es erwartet haben. Der Anteil der Befürworter liegt mit (34%) etwas unter dem Niveau der Gegner (37%). Die Übrigen sind unentschlossen. Dies veranschaulicht, dass die traditionellen Formen politischer Steuerung mittels finanzieller Anreize nicht immer auf breite Zustimmung stoßen beziehungsweise die gewünschten Effekte erzeugen. Daher sind aus unserer Sicht alternativen Ansätze wie beispielsweise die Einrichtung von Reallaboren, die neue Technologien oder Angebote für Menschen erfahrbar machen, so wichtig. Dies wird auch im Bereich E-Mobilität bereits seit einiger Zeit erfolgreich praktiziert . Die Erfahrungen und Rückmeldungen der Nutzer*innen können auf diese Weise frühzeitig in die Konzeption neuer Formen der Mobilität aufgenommen werden und somit wesentlich zu deren bedarfsgerechten Gestaltung beitragen.

 

 

Über die Person

 

© IASS; Photo: L. Ostermann

Ingo Wolf ist seit Januar 2019 als Senior wissenschaftlicher Mitarbeiter am IASS tätig. Er arbeitet in dem Projekt soziale Nachhaltigkeit der Energiewende. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Einstellungs- und Verhaltensveränderungen im Kontext der Mobilitäts- und Energiewende.

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