Sonnenstrom von Broichern für Broicher – Ein Mülheimer Stadtteil als Reallabor

Broich, ein Stadtteil in Mülheim an der Ruhr mit über 14.000 Einwohnern, ist derzeit ein Reallabor für das Experiment, Strom lokal zu produzieren und alternativ zu finanzieren. Die Initiative KlimaQuartier Broich und dynamis haben sich dafür zusammengetan und ein Projekt auf die Beine gestellt, welches vor Ort getestet und später auf andere Städte übertragen werden soll. dynamis-Projektleiter Friedrich Horn und Hans-Peter Winkelmann, Geschäftsführer vom lokalen Climate Campus, der das KlimaQuartier mitgegründet hat, erklären, warum BroichStrom sogar als Novum in Deutschland gilt.

Wie sind Sie beide zusammen gekommen? Friedrich Horn: Das Projekt geht auf Initiative des KlimaQuartier Broichs zurück. Dort sind Unternehmer aktiv, die sich für die Energiewende engagieren und dafür ihre gewerblichen Dachflächen für Solaranlagen zur Verfügung stellen wollten. Das kam uns gerade recht, denn dynamis beschäftigt sich schon länger mit der Frage, wie die Energiewende auch in der Stadt gelingen kann. Hans-Peter Winkelmann: Broich ist ein sehr gemischter, bunter Stadtteil. Es gibt rund 320 kleinere und mittelständische Unternehmen. Das Viertel ist aber nicht nur industriell geprägt, es leben auch viele Menschen dort – etwa 7.400 Haushalte bei knapp 14.000 Einwohnern. Die vielen Gewerbeflächen mit ihren Flachdächern sind für Solaranlagen ideal, welche dann direkt die Bürger vor Ort mit Strom versorgen können. Mit dieser Idee kamen Broicher Unternehmer auf uns zu, sodass wir vor etwa einem Jahr gemeinsam mit ihnen das KlimaQuartier Broich entwickelt haben. Seit Anfang 2018 wird es von dynamis unterstützt.

Was ist das Besondere an BroichStrom? FH: Einerseits erneuerbare Energien auf urbanem Raum zu produzieren. In der Stadt ist es natürlich deutlich komplizierter als auf dem Land, wo man viele freie Flächen hat. Dort kann man relativ einfach Windräder aufstellen und Solaranlagen bauen. In der Stadt gibt es kaum große Dachflächen und falls doch, gehören sie den Anwohnern meist nicht selbst oder es gibt Schwierigkeiten mit der Genehmigung. Umso besser war es für uns, dass Unternehmer hier von sich aus auf uns zukamen und ihre Flächen anboten. HPW: Ein lokales Stromnetz ist nicht unbedingt neu – es gibt bereits einige kleinere Gemeinden und Dörfer, die sich relativ autark mit erneuerbaren Energien versorgen. Aber wir wollen Solaranlagen auf Dächern von Unternehmen installieren und damit den gesamten Stadtteil mit Strom versorgen, nicht nur ein kleines Quartier mit ein paar Häusern. So etwas in einem großstädtischen Maßstab, auch noch mitten im Ruhrgebiet, auszuprobieren, gab es bisher noch nie. Vor dem Hintergrund, dass wir dieses Jahr endlich das Ende des Steinkohlebergbaus feiern, also weg von fossilen Energieträgern, hat das Projekt eine noch größere Signalwirkung, weit über die Grenzen von Broich hinaus.

Wie finanziert sich BroichStrom? FH: Das ist die zweite Besonderheit – wir wollten eine alternative Finanzierungsmöglichkeit testen, die nicht vom Staat und seinen gesetzlichen Vorgaben abhängig ist. Bisher funktioniert es in Deutschland so: Jemand baut eine Anlage und bekommt eine Erneuerbare-Energien-Vergütung dafür, also eine feste Förderung vom Staat für ihren Strom. Das System kennt man unter EEG, das gibt es schon seit mehr als 20 Jahren. Es hat lange gut funktioniert, verliert aber zunehmend an Attraktivität für die Politik, weil es zu teuer wird. Daher ist es wichtig, sich langfristig nach Alternativen umzusehen. Große Firmen wie Google und Facebook machen es vor – sie nutzen Power Purchase Agreements, kurz PPAs. Das sind langfristige Stromlieferverträge, eigentlich ein simples Modell. Ein Unternehmen stellt den Strom, das andere nimmt ihn ab – beispielsweise über zehn Jahre zum selben Preis. Das abnehmende Unternehmen ist für diesen Zeitraum vor Preissteigerungen geschützt, das stromliefernde Unternehmen hat ebenfalls Sicherheit. Ein Deal, der in Deutschland aufgrund der staatlichen Förderung bisher nicht nötig war.

„Zugleich unterstützen wir den lokale Klimaschutz in Broich“

HPW: Doch die Frage ist nicht, können wir einen großen Konzern von den PPAs überzeugen, sondern eher: Können wir das auch im Kleinen machen? Mit ein oder zwei Anlagen von Unternehmern aus der Region. Und Abnehmern, die keine großen Firmen mit hohem Stromverbrauch sind, sondern ganz normale Haushalte. Wir wissen nicht, ob wir überhaupt genügend private Endkunden akquirieren können, die sich für zehn Jahre an einen Stromtarif binden möchten. Aber 2021 läuft das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland aus, weshalb die gesamte Energiebranche gegenwärtig sehr intensiv neue Finanzierungsmodelle sucht. PPAs könnten dabei die Zukunft sein. Denn beide Seiten haben etwas davon – der Bürger ist abgesichert und der Versorger weiß, dass er seinen Strom auf jeden Fall los bekommt. Gleichzeitig wird der lokale Klimaschutz in ihrer Stadt unterstützt.

Wird der Strom ausschließlich über die lokalen Anlagen hergestellt? HPW: Leider nein. In einem Land wie Deutschland, wo nicht 365 Tage im Jahr die Sonne scheint, benötigen wir zusätzlichen Strom von außen, sogenannten Residualstrom. Dafür wollen wir auf jeden Fall Ökostrom nutzen, der aus regenerativen Energiequellen kommt. Wir sind zur Zeit auf der Suche nach einem Anbieter, der einerseits den restlichen Strom bereitstellen soll und zum anderen möglicherweise als strategischer Partner bei der Vermarktung behilflich sein wird. FH: Wir haben uns als Ziel gesetzt, dass mindestens 40 Prozent des Stroms bilanziell mit Broicher Solaranlagen erzeugt wird, damit der lokale Anspruch auch glaubwürdig ist. Wir hoffen jedoch, die restlichen 60 Prozent auch regional von einem lokalen Versorger beziehen zu können, der optimalerweise sogar in Broich sitzt. Derzeit sind wir im Gespräch mit solch einem Versorger. Dann würde der Strom zu 100 Prozent aus Mülheim kommen – das wäre genial.

Wie viele Haushalte sollen mit BroichStrom beliefert werden? FH: Wir haben gesagt, wir starten zunächst mit einer Anlage, die 50 Haushalte versorgen soll. Wenn wir tatsächlich so viele Menschen dafür gewinnen, ist das Ganze aber beliebig skalierbar. Einerseits skalierbar in Broich, andererseits übertragbar auf andere Regionen. Genau dieser Erkenntnisgewinn treibt dynamis an: Eine alternative Finanzierungsform zu finden, zu testen und, wenn sie funktioniert, der Welt vorzustellen. HPW: 50 Haushalte zu finden, ist ein sehr ambitioniertes Ziel – den Strom dem Endkunden zu verkaufen, wird echte Sisyphusarbeit. Die Deutschen sind bekanntlich träge, wenn es darum geht, ihren Stromanbieter zu wechseln. Sie zahlen lieber mehr, als sich mit Preisen zu beschäftigen und Geld zu sparen. Allerdings haben wir bereits auf Stadtteilfesten mit Bürgern gesprochen und ihnen von unserer Idee erzählt, klimaneutralen Strom in der Nachbarschaft erzeugen zu wollen. Die Broicher waren sehr angetan, was uns positiv stimmt. Aber ob die Leute dann tatsächlich ihrem alten Stromanbieter kündigen, wird sich zeigen.

„Wir wollen mit dem BroichStrom ein lokales Wir-Gefühl erzeugen“

Ab wann genau wird es BroichStrom geben? FH: Es sind noch mehrere Schritte notwendig. Für die Bereitstellung der Dachfläche sind wir derzeit mit zwei Unternehmen im Gespräch. Ebenso sind wir dabei, einen passenden Partner für Reststrom und Vermarktung zu gewinnen. Dann muss natürlich ein Tarif für die zehn Jahre ausgehandelt werden, damit es sich für beide Seiten lohnt. Der größte Teil des Strompreises sind Abgaben und Umlagen an den Staat – es ist schwer vorhersehbar, wie weit diese in den nächsten Jahren noch steigen. Um ein Beispiel zu nennen: Eine Kilowattstunde kostet im Moment 28 Cent. Wir werden BroichStrom voraussichtlich für mehr als 30 Cent anbieten. Also teurer, aber dafür abgesichert. Wenn der Preis in zehn Jahren bei mehr als 40 Cent liegt, hat der Kunde einen guten Deal gemacht. Auch Kündigungsmodalitäten müssen wir festlegen. Je länger die Laufzeit, desto wahrscheinlicher ist es beispielsweise, dass Kunden wegziehen. Zudem sind wir im Gespräch mit der DKB-Bank, die den Kredit für die Investition bereitstellen soll. Erst wenn wir tatsächlich 50 Haushalte gefunden haben, die den Strom auch kaufen, wird die Solaranlage gebaut. Nächstes Jahr im Sommer sollen die Kunden akquiriert werden. HPW: Dabei ist die Öffentlichkeitsarbeit ganz wichtig. Wir müssen nicht nur die Strukturen schaffen und das ganze Projekt entwickeln, sondern uns gleichzeitig auch eine Marketingstrategie überlegen. Über die Medien, Social Media und klassische Infostände wollen wir die Bürger erreichen. Wir wollen mit dem BroichStrom ein lokales “Wir-Gefühl” erzeugen, eine örtliche Community, die sich für den lokalen Klimaschutz einsetzt. Unser Claim ist: Sonnenstrom von Broichern für Broicher.

Mehr zum KlimaQuartier und seinen Initiatoren wie dem Climate Campus und der Broicher Interessen-Gemeinschaft e.V. (BIG), erfahren Sie auf der Seite unseres Projekts „Energie fürs Quartier

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