Die Energiewende kommt vom Kurs ab

Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dem EEG, wurde in Deutschland ein weltweiter Technologiewandel ausgelöst. Die Förderung der Einspeisung aus Windrädern und Solaranlagen wurde nicht nur mehrfach von anderen Ländern kopiert, sondern sorgte für enorme Lerneffekte und massiven Preisverfall für erneuerbare Erzeugungskapazitäten. Mittlerweile sind neue Wind- und Solaranlagen günstiger als konventionelle Kohle- und Atomkraftwerke und senken damit seit Jahren systematisch die Strompreise an den Strombörsen.

 

Das mag wie eine Erfolgsgeschichte klingen, doch die Stromverbraucher haben nicht viel davon. Für sie bedeutet die Energiewende vor allem Eines: vermeintlich unaufhörlich  steigende Preise. Erklärt werden kann diese scheinbar paradoxe Situation durch einen Blick auf die Zusammensetzung des Strompreises: Auf die eigentliche Stromproduktion entfällt gerade mal ein Fünftel des Gesamtpreises. Der Rest ist bestimmt durch Steuern, Abgaben und Umlagen. Allen voran die EEG-Umlage und die Netzentgelte. Diese Preisbestandteile finanzieren neben dem Ausbau der Erneuerbaren und des Stromnetzes auch den Ausgleich von Schwankungen und Eingriffen in das Netzgeschehen – sozusagen die Gemeinkosten für die Aufgaben, die unser Energiesystem am Laufen halten.

 

Durch den Umbau unseres Energiesystems hin zu dezentralen Erneuerbaren Energien werden diese Aufgaben komplexer und die Kosten steigen. Doch die Digitalisierung wird es in Zukunft erlauben, diese Aufgaben besser  zu organisieren – so, dass sie besser mit einem volatilen und dezentralen Energiesystem harmonisieren. Wie das konkret aussehen könnte, das herauszufinden war Ziel eines Projekts der Stiftung neue Verantwortung, das im Kontext von dynamis durchgeführt wurde. Die besondere Herausforderung des Projekts war die bei den etablierten Akteuren der Energiewirtschaft noch vorherrschende Skepsis, denn konkrete Vorschläge, wie die die Digitalisierung genutzt werden kann, gibt es bisher wenige. Wir griffen daher auf Methoden aus dem Bereich der Zukunftsforschung zurück, um gemeinsam mit 28 hochkarätigen ExpertInnen aus der Energiewirtschaft Szenarien zu entwickelt, in denen sie die Elemente möglicher digitaler Energiemärkten beschrieben.

 

 

 

 

Die Digitalisierung für die Energiewende nutzen

 

Schon zu Beginn des Projekts war klar: Die Digitalisierung, die in den letzten Jahren bereits viele Branchen grundlegend verändert hat, beginnt in der Energiewirtschaft gerade erst. In manchen Teilbereichen, wie dem Handel an der Strombörse EPEX, ist das schon spürbar. Hier wurden schon erste Verträge mit der Kryptografie-Technologie Blockchain geschlossen.

 

Aufbauend auf der Szenarioanalyse konnten wir drei Thesen entwickeln, wie es in Zukunft weitergehen wird.

 

Erstens: von der digitalen Transformation könnte das politische und gesellschaftliche Projekt der Energiewende profitieren. Die Digitalisierung im Strommarkt generiert eine nie dagewesene Menge von hochaufgelösten und aktuellen Daten, die eine auf volatiler Einspeisung aus Windrädern und Solaranlagen basierende Energiewelt dringend braucht, um Schwankungen auszugleichen und sich zu organisieren. Gleichzeitig fallen die durch die Datenerhebung entstehenden Technologie- und Transaktionskosten. Dadurch könnten zum einen vielfältige Kosten für den Infrastrukturbetrieb direkt und verursachergerecht, statt wie bisher über Wälzungsmechanismen oder andere Work-Arounds verteilt werden.

 

Zweitens: Die Digitalisierung macht es möglich, kleine Akteure aktiv ins energiewirtschaftliche Geschehen einzubinden werden, für die sich das bis dato nicht lohnte – allen voran Prosumer. Hilfestellung können hierbei digitale Services leisten, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und einprogrammiertem Know-How über die Regeln der Energiewirtschaft ein persönliches Energie-Portfolio bewirtschaften.

 

Drittens: bietet die Digitalisierung im Energiebereich ein neues Feld für die Wirtschaftspolitik. Viele Innovationen in der Energiewirtschaft – ob Hardware, Service oder digitale Anwendung – finden bisher nur vereinzelt im liberalisierten Teil der Energiewirtschaft statt. Ihr volles Potenzial können viele neuen Geschäftsmodelle und Technologien jedoch nur dann entwickeln, wenn sie mit Netzwerkeffekten und Ökosystemen auch in anderen Bereichen agieren dürften. Durch Digitalisierung und technologischen Wandel sind längst Möglichkeiten vorhanden, auch Aufgaben wettbewerblich zu gestalten, die heute noch der Regulierungen unterliegen – weit abseits von Infrastruktur-Privatisierung.

Die Analyse der Szenarien zeigt: Viele kleine Akteure könnten, zum Beispiel gesteuert durch Algorithmen, dem Netzbetreiber ihre Flexibilität zur Steuerung des Stromnetzes zur Verfügung stellen. Durch solche neuen Märkte (zum Beispiel für Blindleistung, Flexibilitäten, oder Systemdienstleistungen) können bisherige Kostentreiber im Energiesystem zu Effizienztreibern werden. Die Energiewende könnte damit auch in der Version 2.0 wieder zum Exportschlager werden.

 

Ein Beitrag von Fabian Reetz, dynamis

 

Mehr zu den Ergebnissen und der Methode des Projekts findet sich im Policy Brief “Welche Chancen ein digitales Energiemarkt-Design bietet”, das  im Oktober 2017 veröffentlicht wurde.

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