Doppel-Interview: „Zentral oder dezentral? Wie wird die Energiewende gerecht?“

Die Energiewende gerecht gestalten. Wie gelingt das? Und vor allem: Welches System ist das richtige? Zentral oder dezentral? Darüber haben wir mit Frank Peter von Agora Energiewende und Thies Schröder, Vorstand der Energieavantgarde Anhalt, diskutiert.

 

Herr Peter, Herr Schröder, wie wird die Energiewende gelingen? Als zentral gesteuertes System, also ähnlich wie die Energieversorgung der Gegenwart, oder dezentral?

Frank Peter: Wir werden am Ende einen Mix beider Systeme haben, da wir die zentralen Strukturen brauchen, um die dezentrale Versorgung auszubauen. Die Frage, die sich stellt, ist: Was machen wir im regulatorischen Umfeld? Welchen Kurs sollte die Politik vorgeben? Ich bin der Ansicht, dass wir uns vor allem an den Erfordernisse der neuen Energien orientieren müssen, und die sind eher dezentral. Derzeit halten wir zu stark an Regeln fest, die den Bestand sichern. Das behindert innovative und dezentrale Ansätze.

Thies Schröder: Wir werden eine Übergangssituation haben, aber wir müssen Pro und Contra auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene diskutieren. Hier braucht es eine klare Entscheidung. Ansonsten arbeiten wir uns zu lange an scheinbaren Parallelitäten und letztlich auch Machtverhältnissen ab. Einen ständigen Kampf gegen die Abwehrhaltung des bestehenden Systems, das ich übrigens gut verstehen kann, müssen wir vermeiden. Daher gehen wir konsequent von einer dezentralen, regionalen Struktur aus.

 

Sie sprechen vom Projekt “Reallabor Energieavantgarde Anhalt”, bei dem Sie in der Region Anhalt am zukunftsfähigen Umbau des regionalen Energiesystems arbeiten…
Schröder: Genau, es geht uns dort um den richtigen Mix aus Sonne, Wind, Biogas und anderen Technologien, die noch kommen – fossile Rohstoffe lassen wir bewusst außen vor. Man kann also durchaus entscheiden zwischen zentral und dezentral.

Also geht es eher um die Frage, wer Vorfahrt hat?
Schröder: Wir haben ja schon festgestellt, dass wir uns einig sind, wer das sein muss: die Erneuerbaren. Und die sind nunmal vor allem dezentral. Dazu müssen wir die regulatorischen Anpassungen vor Ort vereinfachen.

 

„Es steht zu befürchten, dass sich auch hier wieder Zentralisierungs-Tendenzen entwickeln.“

 

dynamis geht es vor allem auch um die soziale Nachhaltigkeit der Energiewende. Welches System ist denn das gerechtere? Das zentrale oder das dezentrale?
Peter: Per se ist keines gerechter oder ungerechter. Die Frage ist, welche Verteilungswirkung solche Systeme haben, ob also zum Beispiel alle gleichermaßen sicheren Zugang haben zu Energie und das zu einem vergleichbaren Preis. Dafür zu sorgen, wird immer Aufgabe des Staates sein, da es um das Gemeinwohl geht. Man kommt in keinem System um Steuerung herum: Auch das ist ein Aspekt zentraler Organisation. Die Frage der Gerechtigkeit hängt jedenfalls nicht am System, sondern daran, wie wir es organisieren.

Schröder: Das würde ich so unterschreiben. Der Unterschied ist, dass wir früher von einem fossilen Rohstoff ausgegangen sind und sich Gerechtigkeit im wesentlichen über den Zugriff darauf definierte. Deswegen ergab das staatlich gestützte Oligopol durchaus Sinn. Jetzt haben wir eine völlig andere Situation: Wir haben einen Rohstoff – wenn man Sonne und Wind denn so nennen will –, der nicht aufwändig abgebaut und verstromt werden muss. Gerechtigkeit wird sich vor allem definieren durch eine allgemeine, sichere und einfache Zugänglichkeit der Infrastruktur, die Energie, Strom, Licht und Wärme ermöglicht. Dieser Zugang ist viel komplexer – daher lässt sich die Frage nicht mehr so einfach beantworten.

 

Sie reden von den Verteilnetzen…
Schröder: Genau. Diese sind nicht per se zentral oder dezentral. Aber es steht zu befürchten, dass sich auch hier wieder Zentralisierungs-Tendenzen entwickeln. Das wird dazu führen, dass wir kein wirklich gerechtes System entwickeln können. Ich setze schon lange auf regionale gemeinschaftliche Ansätze, die in puncto Transparenz und Regulierung mehr Möglichkeiten bieten als ausschließlich eine “europäische Kupferplatte”.

 

Aus liberaler Sicht wäre es doch maximal gerecht, wenn der Strom aus 80 Millionen Quellen kommen könnte? Also in Form maximalen Dezentralität.
Peter: Diese Welt ist praktisch aber nicht möglich. Wer in einem Einfamilienhaus mit 1.800 Quadratmetern Grundstück wohnt, hat immer wesentlich bessere Möglichkeiten, sich selbst mit Strom zu versorgen, als Bewohner eines Mehrfamilienhauses in Mietwohnungen.

 

„Für manchen ist der jedes Jahr zu füllende Heizöltank schon heute eine echte Herausforderung.“

 

Heute gilt dies. Aber wenn wir Solarmodule haben, die sich auf Balkone montieren, und Solarfolien, die sich an Fenster kleben lassen, könnte das anders aussehen.
Peter: Dann kommen Sie trotzdem nicht auf die gleichen Energieressourcen pro Bewohner. Wenn Solarenergie die einzige für alle leicht zugängliche Energiequelle ist, kann der, der größere Flächen hat, immer mehr Anteile am Energie-Geschäft bekommen als jemand, der im Hochhaus wohnt. Dass zurzeit viel über Mieterstrom diskutiert wird, zeigt, dass die Debatte Fahrt aufnimmt: Wer erzeugt und wer ist privilegiert, überhaupt erzeugen zu dürfen?

Schröder: Es gab ja mal das Versprechen eines nur zentralisiert zu betreibenden energetischen Systems, nämlich die Atomenergie, oder zuvor die Kohle. um damit absolute Gerechtigkeit zu schaffen. Beide Systeme waren nicht umweltgerecht oder haben Lasten auf folgende Generationen geladen. Das nächste System wird also kein zentrales mehr sein. Denn die Welt hat sich verändert: Sie unterscheidet immer mehr zwischen denen, die stärker oder weniger stark interagieren, hier also in Sachen Energieerzeugung. In dieser Transformation Gerechtigkeit herzustellen, damit werden wir uns noch einige Jahre, gar Jahrzehnte auseinander setzen und dabei regionale wie auch individuelle Ungerechtigkeiten ausgleichen müssen. Wir werden in eine Situation kommen…

Peter: …das kann nicht über Energie passieren.

Schröder: …es kann nicht über Energie passieren, aber wir werden in Situationen kommen, in der die Schnellen die Langsamen zurücklassen. Energiearmut spielt schon heute eine Rolle. Nehmen Sie das klassische unsanierte Einfamilienhaus aus den 1960er Jahren mit Bewohnern, die nur begrenzt finanzielle Möglichkeiten haben: Für die ist der zu füllende Heizöltank schon heute eine echte Herausforderung. Das gleiche gilt für Stromkosten und die EEG-Umlagen.

 

„Der Bund muss steuernd eingreifen: Nur er hat die finanziellen Mittel.“

 

Peter: Im Wärmebereich wird die Heterogenität des Umfeldes noch viel sichtbarer, als wenn Sie über Strom nachdenken. Ob das ungedämmte Einfamilienhaus nun in Oberbayern steht oder in der Uckermark, ist ganz entscheidend. Im einen Fall bekommen Sie von der Bank einen Kredit, da das Haus einen Wert an sich hat. Im anderen müssen Sie ewig mit dem schlecht gedämmten Haus und dem hohen Energiebedarf leben. Da gibt es viele Fragen, die nur im kommunalen und regionalen Kontext zu lösen sind. Trotzdem stellt sich die Frage: zentral oder dezentral? Ich glaube, dass der Bund hier steuernd eingreifen muss, da nur er die finanziellen Mittel hat. Die Kommunen – zumindest die meisten – können das nicht.

 

Also brauchen wir einen “Energie-Länderfinanzausgleich”?
Peter: In eine solche Richtung kann das weitergedacht werden. Da muss man sagen: “Liebe Kommunen, es ist Eure Aufgabe, Ideen für eine Dekarbonisierung zu entwickeln, wir unterstützen Euch mit a, b, c, d, e …“. Man wird es aber nicht über Anreizregulierungen schaffen, wir brauchen andere Politikansätze und Instrumente.

Schröder: Wir werden unabhängig von der Notwendigkeit eines solchen Energie-Ausgleichs auch neue Investitions- und Refinanzierungsmodelle ausprobieren müssen, die je nach Region sehr unterschiedlich sein können. Diese lokale Passung ist ganz wichtig – das sehen wir bei der Energieavantgarde. Wir haben im Bereich regenerative Energien völlig andere Ausgangspositionen. Um zu einem gerechteren System zu kommen, braucht man eine gewisse Risikofreude und Modelle, die gegeneinander ausprobiert werden.

 

Risikofreude? Von wem?
Peter: Etwa bei Finanzierungsprodukten. Bleiben wir beim Mieterstrom. Es heißt, wir alle dürften mitmachen beim dezentralen Erzeugen von Energie: In der Realität funktioniert das nicht, da viele Menschen dafür kein Geld haben und auch keine Kredite bekommen.

Schröder: Das Mieterstrom-Modell geht zudem davon aus, dass der Markt beschränkt bleibt. Sonst würden die Belastungen für alle Bürger, die die Kosten über Abgaben zahlen, viel zu groß. Das gleiche Problem haben wir schon bei der EEG-Umlage – daher sollte man diese künftig über Steuermittel finanzieren, nicht mehr als Abgabe. Sie gehört in das Gemeinwohl.

 

„Die Energiewende darf für den Einzelnen nicht mehr teurer werden, als sie es heute schon ist.“

 

Ist absehbar, dass die neue Regierung diesen Schritt geht?
Peter: Wir fänden es wünschenswert und haben die Diskussion auch schon angestoßen. Es gibt viele Lösungsvorschläge, wie man das machen kann. Dahinter stehen Sektorkopplung und der Gedanke, Strom ein Stück günstiger zu machen. Zur neuen Finanzierung der EEG-Umlage wäre etwa eine CO2-spezifische Bepreisung fossiler Energie im sogenannten ETS-Bereich (d.h. mit Blick auf den Emissionshandel, d. Red.) wünschenswert.

Schröder: Ich wäre schon froh, wenn der Koalitionsvertrag zum Ausdruck bringen würde, dass man nach solchen regulatorischen Öffnungen sucht und sich eine Legislatur dafür Zeit nimmt. Dass man zumindest erst einmal die klimapolitischen Ziele allgemein fixiert.

 

Wie schafft man es, die Menschen so mitzunehmen, dass sie so ein komplexes Thema begreifen und den Wandel auch mittragen – Stichwort Akzeptanz der Energiewende?
Peter: Es braucht vor allem eine Entlastung. Das wäre für mich der Akzeptanz-Bringer schlechthin. Mit dem heutigen Steueraufkommen und der prosperierenden Wirtschaft gibt es einen gewissen Spielraum.

Schröder: So ein Versprechen würde natürlich sehr helfen. Mir würde es aber schon reichen, wenn die Energiewende für den Einzelnen nicht teurer wird, als sie es heute schon ist.

Interview: Timm Rotter

 

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