Energie aus dem Quartier für das Quartier

Betrachtungen zum Auftakt unseres Förderprojektes „Energie fürs Quartier“

 

Die Lücke könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite die Verheißungen einer neuen Energiewelt – digital, dezentral, sauber, mit aktiven Prosumern und verantwortlich handelnden Bürgern im Mittelpunkt. Auf der anderen die weit weniger verheißungsvolle Realität mit einem regulatorischen Rahmen, der eher ein Korsett zur Perpetuierung eines zentralistischen Systems darstellt als dass er Atemspender einer dezentralen Energiewende wäre. Die Regelungen zu Mieterstrom und Eigenverbrauch belegen dies genauso wie die Vorstellungen zum Netzausbau und zur Preisgestaltung der Netznutzungsentgelte.

Vor allem aber wissen wir so gut wie nichts über die Menschen und über den sozialen Kontext, in dem er oder sie sich mehr oder weniger „energiewendefreundlich“ verhält. Spekulationen und Behauptungen gibt es zuhauf: Der Mensch habe stets nur seinen materiellen Vorteil im Auge, sagen die einen (meistens die klassischen Ökonomen), der Mensch sei eine Lust-Unlust-Maschine, der oder die sich wohlig in seiner Blase einrichten wolle, sagen die anderen (meisten stammen sie aus dem Silicon Valley). Und die dritten reden vom Willen zur Teilhabe, von Wutbürgern oder dem NIMBY-Phänomen. Noch provisorischer wird die Lage, wenn es um den sozialen Kontext geht, in dem die dezentrale Energiewende funktioniert. Regional. Klar, aber wie genau? Vor Ort, auch logisch. Aber was heißt das genau?

 

Gesucht: Erfolgsfaktoren für die Energiewende vor Ort. Das Projekt „Energie fürs Quartier“ will genau auf diese Fragen Antworten finden: Welches sind die Erfolgsbedingungen der Energiewende vor Ort? Warum scheitert sie hier, während sie dort erfolgreich ist? Welche Menschen treiben sie? Was treibt diese Menschen? Die Antworten darauf nicht nur herbei zu spekulieren, sondern sie in einem atmenden Rahmen selbst auszuprobieren – darin liegt der besondere Clou des Projektes, das von dynamis initiiert und in den kommenden zwei Jahren gemeinsam mit der Stiftung Mercator durchgeführt wird.

 

Beim Auftakt am 27. Januar wurde klar, dass es kaum einen besseren Orte als den dafür gewählten geben konnte , das Essener „Unperfekthaus“: nomen est omen. Unperfekt jedoch in einem Sinne, ohne den die dezentrale Energiewende nicht erfolgreich sein kann: Ohne Masterplan, aber mit vielen guten Ideen. Ohne zentrale Steuerung, aber vernetzt und kollaborativ. Acht Teams trafen zum ersten Mal aufeinander und stellten sich gegenseitig ihre jeweiligen Ansätze vor. Egal, wie alt die Macher aus dem Ruhrgebiet waren, egal, aus welchem Stadtteil sie kamen, egal, ob es um klimafreundliche Mobilität ging oder die Errichtung eines ganzen Klimaquartiers: Es spann sich gleich am Anfang ein roter Faden von Projekt zu Projekt. Die Frage, die alle Anwesenden umtrieb, war nämlich: „Wie können wir unser Leben im Ruhrgebiet nachhaltig gestalten?“ Die Nachhaltigkeits-Diskussion bestätigte, was auch wir bei dynamis immer wieder betonen: Nachhaltigkeit hat viele Facetten – neben der oft zitierten ökologischen zum Beispiel auch eine soziale und eine wirtschaftliche.

 

Ein kollektiver Akt der Selbstermächtigung. Klar war allen auch, dass die Antwort auf die Frage nach der Nachhaltigkeit nicht in irgendeinem Lehrbuch zu finden ist, sondern dass sich diejenigen, die Veränderung, sprich: eine erfolgreiche Energiewende vor Ort, wollen, selbst auf den Weg machen müssen, um sie zu finden. Im Unperfekthaus fand eine kollektiver Akt der Selbstermächtigung statt. Wer vielleicht lange Zeit mit seiner Idee im Kopf herumlief, ohne Rezept, wie sie zu verwirklichen sei, sah nun die Chance gekommen. Das Startkapital in Höhe von 20.000 Euro pro Team mag hierfür eine wichtige Rolle spielen – aber „Energie fürs Quartier“ bietet viel mehr: einen Rahmen, in dem einer vom anderen lernen kann, einen Raum für das Aufeinandertreffen verschiedener Kompetenzen und Generationen, eine atmende Struktur, die keine fertigen Wege und Lösungen vorgibt, die vielmehr offen ist für Kooperationen jedweder Art und gemeinsames Lernen.

 

Nach dem Start kommt es nun darauf an, diesen Zauber des Anfangs zu bewahren und auf dem gemeinsamen Weg das beste aus jedem Projekt zu machen. Der Rahmen steht – oder weniger abstrakt ausgedrückt: Die Menschen stehen bereit, die Energiewende in ihrem Quartier zum Erfolg zu machen.

 

Ein Beitrag von Stephan Muschick / dynamis

 

Ausführliche Informationen zu den einzelnen Projekten gibt es unter energiefuersquartier.ruhr. Anregungen sind jederzeit willkommen – direkt an die Teams oder an dynamis unter feuster@dynamis-online.de.

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