Keine soziale Nachhaltigkeit ohne Digitalisierung. So wird die Energiewende erfolgreich.

Von einer Energie-Wende zu sprechen, ist eigentlich eine Verniedlichung. Denn nicht nur das Energiesystem befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, sondern die gesamte Gesellschaft.


Und gesellschaftliche Transformation braucht vor allem eines: die Bereitschaft, die notwendigen Änderungen selbst zu gestalten. Neue technische Möglichkeiten reichen nicht aus, erst recht keine plötzlich von der Politik verordneten Wendemanöver.

Es wäre fahrlässig darauf zu setzen, dass die bedrohlichen Szenarien eines globalen Klimawandels die für eine erfolgreiche Energiewende notwendige gesellschaftliche Dynamik erzeugen würden. Im Gegenteil: Der Diskurs zum Klimawandel ist allzu negativistisch, um eine positive Motivation zu erzeugen. Nicht einmal die bedrohlichen Szenarien eines globalen Klimawandels entfachen die für eine erfolgreiche Energiewende notwendige gesellschaftliche Dynamik. Und die weiterhin hohen Zustimmungsraten zur Energiewende? Gehen sie nicht einher mit einem massiven Misstrauen in die Problemlösungskompetenz der politischen Entscheidungsträger? Trauen die Menschen ihnen tatsächlich zu, die gesellschaftlichen Herausforderungen der Energiewende zu lösen?

Dies erschien auf den ersten Blick problematisch. In Wahrheit ist eine zurückhaltende Politik gar keine schlechte Ausgangslage für eine erfolgreiche Energiewende. Einzige Voraussetzung: Die Politik muss sich auf die Rolle beschränken, gesellschaftlichen Wandel so leicht wie möglich zu machen. Verordnen kann sie ihn nicht.

 

Die Erneuerbaren Energien können zum Befreier werden

 

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass technologischer Wandel immer dann gesellschaftliche Dynamik ausgelöst hat ist, wenn die Menschen ihn als Chance zur Emanzipation gesehen haben:
 

  • Der Buchdruck machte Schluss mit dem Wissensmonopol der Kirche.
  • Die Dampfmaschine befreite den Menschen vom Einsatz der Muskelkraft im Produktionsprozess.

So kann es sich auch mit den Erneuerbaren Energien verhalten: Sie besitzen das Potenzial, uns Menschen von zentralistischen Strukturen zu befreien. Sie können Raum geben für neue Gemeinschaften, mehr Eigenverantwortung, Teilhabe und Transparenz. Das wäre gesellschaftliche Dynamik.

 

Eine falsche Politik wäre jetzt besonders fatal

 

Doch nimmt die Politik diesen emanzipatorischen Impuls wirklich auf? Tatsächlich gibt es auch objektive Belege, dass die Energiewende überwiegend von oben gedacht und neo-paternalistisch reguliert wird.

Im Rahmen von dynamis haben die Kolleginnen vom IASS eine Befragung konzipiert und durchgeführt, die einige glasklare Antworten liefert. Die detaillierten Ergebnisse des „Barometers zur sozialen Nachhaltigkeit der Energiewende“ werden im November vorgestellt.
 

Eines erscheint jetzt schon klar: Eine überregulierte und oktroyierte Energiewende wird scheitern. Mehr noch: Sie wird die eigentlich gewollte Transformation hin zur dekarbonisierten Gesellschaft sogar verhindern.
 

Angesichts des tiefgreifendsten Megatrends aller Zeiten, der Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche, ist das fatal:
 

  • Erstens, weil die Transformation des Energiesystems nur Algorithmen- und Big Data-basiert gelingen wird.
  • Zweitens – und der Punkt ist noch wichtiger – weil sich das emanzipatorische Potenzial der Energiewende nur erschließen lässt, wenn wir die Digitalisierung richtig verstehen und gestalten.

 

Eine gute Energiewende wird zum Wohlstandsmotor

 

Die Herausforderung einer sozial nachhaltigen Transformation liegt also auf zwei Ebenen: Zum einen darf die Digitalisierung nicht nur als technologischer Paradigmenwechsel gedacht werden.
 
Es kommt vielmehr darauf an, die Potenziale und Gefahren der Digitalisierung zu erkennen und die gewonnenen Erkenntnisse in gesellschaftliches Handeln zu überführen. Nur so lässt sich eine sozial nachhaltige, de-karbonisierte und dezentralisierte Energiewelt bauen. Und nur mit einem solchen Energiesystem – das ist die andere Ebene – kann eine digitalisierte Gesellschaft mit Wohlstand und Teilhabe für möglichst viele funktionieren. Nur so funktioniert soziale Nachhaltigkeit.
 

Genau dieser Herausforderung stellt sich auch dynamis, das die drei Partner innogy Stiftung, 100 prozent erneuerbar Stiftung und IASS gegründet haben, um für diese bisher vernachlässigte Facette der Nachhaltigkeit einzutreten. Dazu haben wir unterschiedliche Projekten gestartet, von der Förderung von Energiewissen im Quartier, über diesen Blog bis zum Digital-Award “Power to Idea”. Ab sofort wollen wir und unsere Partner regelmäßig über unsere Projekte und die Themen, die uns unter den Nägeln brennen, in diesem Blog berichten. Feedback und Debatte sind ausdrücklich erwünscht!

 

Die digitale Gesellschaft folgt neuen Regeln

 

Digitalisierung operiert mit Daten. Daten speisen jede digitale Infrastruktur und halten sie am Laufen. Zugleich produziert die Infrastruktur auch ständig neue Daten, welche wiederum eingespeist werden (können). Daten sind in Echtzeit in riesigen Mengen verfügbar, und die immer schnellere Technik lässt es zu, mit ihnen zu arbeiten. Daten werde gelesen und untereinander in Beziehung gesetzt – zur Infrastruktur, aus der sie stammen, zum Nutzer, zum Produzenten. Und sie machen die Zukunft mehr und mehr vorhersehbar.
 
Damit verändert die Digitalisierung alles: gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, die Mechanismen der Wertschöpfung und unser Konsumverhalten. Sie verändert auch unsere Art, miteinander zu kommunizieren, unser Leben zu planen und zu gestalten.
 
Und sie verändert sogar unsere Vorstellungen vom Menschsein selbst: Machine Learning und künstliche Intelligenz verwischen die Grenze von Mensch und Maschine immer mehr.

 

Wer sich verweigert, der verliert

 

(Noch) ist alles von Menschen gemacht. Und dort, wo Menschen agieren, miteinander kommunizieren, dort ist Gesellschaft. Auch Machtstrukturen sind menschengemacht. Aber wir müssen beides im Auge behalten: Die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen, und die Macht der Daten.
 
Was nicht helfen wird, ist Verweigerung, ist Enthaltsamkeit. Mag sich auch ein individueller Wohlfühleffekt einstellen: Wer sich verweigert, wird zum Spielball derjenigen, die mit den Daten die Prozesse der Gesellschaft im Griff haben. Sich digitalisierten Daten zu entziehen wäre ähnlich absurd, als würde man sich dem Geld oder dem gedruckten Wort verweigern. Sie sind das gesellschaftliche Kommunikationsmedium unserer Zeit.

 

Die Zukunft wird in neuen Arenen verhandelt

 

Doch wie werden die Arenen und Prozesse aussehen, in und mit denen wir die Grundmuster einer digitalisierten Gesellschaft verhandeln und gestalten? Die Energiewende, als gesellschaftliche Transformation, nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. Ihre weitere Gestaltung kann eine Blaupause sein für die digitalisierte Gesellschaft der Zukunft. Eine Energiewende in der Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. Eine Energiewende, die  Entwicklungen in anderen Branchen im Blick hat. Man betrachte allein das System der Massenmedien oder die Musikindustrie: Wer hinschaut, sieht, dass sich hier alles verändert hat im Zusammenspiel von Kunden, Intermediären und Produzenten.
 
In diesem Kontext tritt dynamis an. dynamis hat nicht nur die neuen Technologien im Energiesystem im Blick, nicht nur Details der politischen Regulierung. dynamis hat nicht den Anspruch, ein neues Energiemarktdesign am Reißbrett zu entwerfen und die Welt dort hinein zu zwängen – unter dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.
 
dynamis hat die gesamte Gesellschaft im Blick, als Summe der Interaktionen von uns Menschen. Denn – um zum Anfang zurückzukehren – selbst die beste Technik wird ihr emanzipatorisches Potenzial nur entfalten, wenn sie menschliches Verhalten und die Interaktionen in der Gesellschaft im Blick hat.

 

Nur so wird die Energiewende sozial nachhaltig sein.

 

Ein Beitrag von Stephan Muschick / dynamis

 

2 Antworten

  • Andreas Kießling sagt:

    Sehr geehrter Herr Muschick,
    sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Seit 10 Jahren sind Beiträge zur Digitalisierung des Energiesystems der Schwerpunkt meines Handelns.
    Dabei stelle ich auch seit einigen Jahren fest, dass der Kern der Chancen bei der Bundespolitik nicht angekommen ist.
    Erneuerbare Energien werden allein unter dem Aspekt des Klimaschutzes betrachtet. Dabei möchte ich nicht mißverstanden werden. Klimaschutz ist von essentieller Bedeutung, aber die Aufgabe ist nicht hinreichend, um die Breite der Bevolkerung zu aktivieren, da kontrovers diskutiert und nicht in unmittelbarer Wahrnehmung.
    Ebenso wird das Thema Digitalisierung bei der Bundesregierung vorrangig unter dem Aspekt von Industrie 4.0 und damit der Unternehmenschancen im internationalen Wettbewerb betrachtet. Die Chancen für die gesamte Gesellschaft und insbesondere für die von ihnen angesprochene sozial nachhaltige Energiewende stehen nicht im Fokus.
    Gerade diese breiten gesellschaftlichen Chancen widme ich mein Wirken.
    Dazu möchte ich gern auch auf Beiträge unter folgendes Links verweisen.
    http://moma-eenergy.blogspot.de/
    https://www.facebook.com/MeineEnergie/

  • Jan Berger sagt:

    „So wird die Energiewende sozial nachhaltig.“ Genau das muss das Ziel sein, denn bisher ist sie es nicht. Und das ist das größte Problem… Also Jamaika, bitte handeln!!!

Ihre Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.