Der Regionale Balancekreis: Ein neues energiewirtschaftliches Modell für die dezentrale Energiewende

Warum braucht es ein neues energiewirtschaftliches Modell überhaupt?

 

Wie die Energiewende in die nächste Phase gehen und mittels Digitalisierung und Flexibilitätsoptionen auch für hohe Anteile fluktuierend erneuerbaren Stroms gelingen kann, wird bereits intensiv diskutiert und die technischen Optionen sind bekannt. Diese Lösungsansätze sind mit dem bisherigen energiewirtschaftlichen Regime jedoch nur schwer vereinbar. Es braucht daher ein neues energiewirtschaftliches Modell, das die Weichen für eine dezentrale, auf erneuerbaren Energien basierende und sektorgekoppelte Energieversorgung stellt.

Aktuell wird das Bilanzkreissystem verwendet, welches zur Abrechnung gehandelter Strommengen dient. Die Bilanzkreise sind dabei rein virtuelle Gebilde, die bis auf die Zugehörigkeit zu einer Regelzone keinen räumlichen Zusammenhang haben. Für das oben genannte langfristige Ziel reicht das bisherige Bilanzkreismodell mit seiner Beschränkung auf den Ausgleich von Stromverbrauch und -erzeugung ohne spezifischen räumlichen Kontext jedoch nicht mehr aus. Der folgende Beitrag beschreibt den regionalen Balancekreis – ein energiewirtschaftliches Modell, das im Rahmen der Energieavantgarde Anhalt entwickelt wurde und die im bestehenden System außer Acht gelassenen Aspekte Regionalität, Integration erneuerbarer Energien, Sektorenkopplung und Teilhabe berücksichtigt (s. Abbildung).

 

Weiterentwicklung des Bilanzkreismodells zum regionalen Balancekreis

Was ist das Problem daran?

 

Das aktuelle Marktdesign, das auf dem überregionalen Börsenstromhandel basiert, fokussiert sich auf Grenzkosten der einzelnen Energieträger und lässt die eigentlichen Systemkosten, also eben auch die Transportkosten der Strommengen, unberücksichtigt. Dies führt zu einer nicht optimalen Allokation, was – drastisch ausgedrückt – einen Fall von Marktversagen darstellt. Ein Beispiel: Wenn Strom aufgrund eines Netzengpasses nicht zum Bestimmungsort transportiert werden kann, wird er ungenutzt abgeriegelt und hinter dem Netzengpass durch Reservekraftwerke erneut generiert und zum Verbraucher geleitet – beide Strommengen müssen aber bezahlt werden.

 

Die entstandenen Zusatzkosten werden auf die Netzentgelte und damit auf alle Verbraucher umgelegt. Die zuvor geschlossene Handelsbeziehung beinhaltet diese Kosten nicht. Volkswirtschaftlich sinnvoll ist das Vorgehen nicht, immerhin könnte man den zuvor abgeregelten Strom für andere Sektoren (Wärme/Kälte, Mobilität) nutzen. Ein umfassender Netzausbau würde das Problem zwar technisch umgehen, das Defizit im Marktdesign bliebe aber vorhanden. Die erheblichen Netzausbaukosten würden weiterhin auf alle umgelegt und nicht in die Handelsbeziehung eingepreist; die gesamtheitliche Betrachtung des Energiesystems über alle Sektoren hinweg und eine daraus resultierende Sektorenkopplung würden nicht angereizt.

 

Weiterhin kommt es zu Verteilungskonflikten, da große Unterschiede bei den Netzentgelten herrschen, die nicht gerechtfertigt erscheinen: Gerade Regionen mit bereits hohen Anteilen regenerativ erzeugten Stroms haben hohe Netzentgelte, da dieser Strom in andere Regionen transportiert werden soll, anstatt vor Ort zur Erfüllung der gesamtheitlichen, d.h. sektorenübergreifenden Energienachfrage genutzt zu werden. Dies erscheint absurd, da die Regionen durch die vielen Energieerzeugungsanlagen und Stromnetze bereits einen Teil zur Energiewende beitragen – dafür aber mit höheren Netzentgelten bestraft werden. Außerdem lässt das Marktdesign keine Teilhabe der betroffenen Akteure zu. Der Strom, der in ihrer Nähe erzeugt oder durch Übertragungsnetze durch ihre Umgebung transportiert wird, ist dazu bestimmt, überregional gehandelt zu werden. Neben ihrer Beteiligung bei der Planung und in Entscheidungsprozessen fehlt es also auch an wirtschaftlicher Teilhabe. Eine sozial nachhaltige Energiewende sieht anders aus.

 

Wie könnte man das Problem lösen?

 

Die komplexen Austauschbeziehungen zwischen den drei Energiesektoren Strom, Wärme/Kälte und Mobilität werden innerhalb des regionalen Balancekreises in Echtzeit abgebildet. Ziel ist es, die Energieflüsse zwischen den drei Sektoren in der Region zu möglichst jedem Zeitpunkt auszugleichen. Transaktionen, die so durchgeführt werden, koppeln Marktbeziehungen und Netze miteinander, was für eine optimale Allokation der gehandelten Energie sorgt. Nur so können die Systemkosten durch Wettbewerb der Marktteilnehmer gesenkt und eine volkswirtschaftlich optimale Energieverwendung über alle Sektoren hinweg angereizt werden.

 

Dabei wird keine Autarkie der regionalen Balancekreise angestrebt. Wenn der regionale Energiebedarf gedeckt und überschüssige Energie vorhanden ist, wird diese mit benachbarten Balancekreisen gehandelt. Die Energie wird also auch im Überschussfall entlang ihres physikalischen Flusses, sprich vom nächsten Verbraucher außerhalb des eigenen Balancekreises, verbraucht und mit diesem gehandelt. Der Bedarf teurer Übertragungskapazitäten kann so minimiert werden und Netzengpässe stellen kein systemisches Problem mehr dar.

 

Auf lokaler Ebene sind Sinn und Notwendigkeit der Energiewende besser nachvollziehbar und Beteiligte profitieren direkt von ihrem Nutzen. Die Komplexität des Markteintritts reduziert sich insbesondere für kleinere Akteure, sodass Größenvorteile keine Rolle mehr spielen und Verteilungskonflikte zwischen verschiedenen Regionen vermieden werden. Etablierte Marktrollen von Verbrauchern und Erzeugern werden aufgebrochen und ganz neue Austauschmöglichkeiten zwischen ihnen geschaffen. Durch die Erzeugung, Umwandlung, Verteilung und Nutzung der Energie vor Ort wird die regionale Wertschöpfung gesteigert. Anders als bei fossilen Energieträgern wie Öl und Gas, bei denen das Kapital aus der Region abfließt und Staaten oder multinationalen Konzernen zugutekommt, verbleibt das Kapital im regionalen Wirtschaftskreislauf. Dies stärkt die Finanzkraft der Erneuerbare-Energien-Betreiber und Prosumer, der Kommune, aber auch der Bürger und der mittelständischen Unternehmen. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe werden somit gleichermaßen angeregt. Es geht beim regionalen Balancekreis also auch um Ebenen, die die soziale Nachhaltigkeit des Energiesystems berücksichtigen.

 

Digitalisierungstechnologien sind für den sektorenübergreifenden und zeitgenauen Energieausgleich von entscheidender Bedeutung. Insbesondere Blockchain-Anwendungen bieten sich dafür an: Sie senken die Transaktionskosten und ermöglichen auch kleineren Akteuren den Marktzugang. Die Integration weiterer Marktteilnehmer erhöht letztendlich auch die Liquidität des regionalen Marktes. In Kombination mit dem Einsatz von Smart Contracts, also der automatisierten Ausführung von Akteurspräferenzen beim Handel von Energie sowie Peer-to-Peer-Transaktionen in Echtzeit bieten sich eine Reihe von Möglichkeiten, die sowohl die technische als auch die soziale Komponente des regionalen Balancekreises positiv beeinflussen.

 

Der komplette Artikel zum Regionalen Balancekreis wurde in der Ausgabe 9 der Energiewirtschaftlichen Tagesfragen veröffentlicht und kann dort nachgelesen werden.

 

Ein Beitrag von Friedrich Horn, Energieavantgarde Anhalt, und René Mono, dynamis

Eine Antwort

  • Gunnar Harms sagt:

    Der allgemeine Gedanke von der „dezentralen Energiewende“ wird mit dem Beitrag so hinreichend und so zoelgenau konkretisiert, daß sich jeder, den das Thema interessiert, genau vorstellen kann, wie eine sinnvolle Umsetzung aussieht. Das Problem dabei: Die fossile Lobby hat genau diese Dinge schon vorausgedacht, als das Ende ihres Geschäftsmodells erkannt und bereits seit ca. fünf Jahren mit einer Fülle von energiepolitischen Einflußnahmen und regulatorischen Absurditäten (z.B. EEG-Umlage auf Eigenversorgung, Speicherbehinderung, Mitternachtsparagraf etc.) exzessiv dafür gesorgt, daß der skizzierte Weg möglichst lange hinausgezögert wird. Fazit: Diese Regelungen müssen auf die Tagesordnung gebracht und sukzessive beseitigt bzw. korrigiert werden. Noch wichtiger scheint mir, die Lobbyaktivitäten, die die Energiewende bewußt behindern sollen, klar zu identifizieren und öffentlichkeitswirksam transparent zu machen, bis hin zur persönlichen Verantwortung.

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