„Lieber auf lange Zeit Gutes im Kleinen tun als nur kurze Zeit großflächig handeln“

 

Friederike Sandow ist Projektleiterin bei der nebenan.de Stiftung

Klimawandel, Handelskriege, neues atomares Wettrüsten: Durch die Globalisierung erscheint die Welt momentan besonders bedroht –  und die Probleme näher als je zuvor. Viele Bewegungen fokussieren sich aber wieder auf die unmittelbare Umgebung, wie Energie fürs Quartier (EfQ), das Nachhaltigkeit in die Stadtteile bringt.

 

Bei der Abschlussveranstaltung im Juni hat Friederike Sandow eine spannende Rede über lokales Engagement gehalten. Sie ist Projektleiterin bei der nebenan.de Stiftung, die Beteiligung in Nachbarschaften fördert. Wir haben mit der Wahl-Berlinerin darüber gesprochen, was (gute) Nachbarschaft bewirken kann und welche wachsende Rolle die Energiewende dabei spielt. 

 

Seit rund 20 Jahren ist die Globalisierung das Mantra vieler politischer wie auch ökonomischer Debatten. Sie und Ihre Stiftung konzentrieren sich dagegen auf die Förderung und Stärkung von Engagement in der eigenen Nachbarschaft. Wie passt das zusammen?

 

Friederike Sandow: Sehr gut, denn die Globalisierung hat vielfältige Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Zum Beispiel ist es nicht mehr so selbstverständlich wie früher, einfach mal beim Nachbarn zu klingeln. Immer mehr Menschen sind nicht dort aufgewachsen, wo sie aktuell leben. Man zieht an einen anderen Ort, um dort zu studieren, eine Ausbildung zu beginnen oder zu arbeiten. Und dann startet man immer wieder in einer fremden Nachbarschaft neu und muss sich ein soziales Netz aufbauen. Viele haben erst mal eine Hemmschwelle, auf andere Menschen zuzugehen. Die Plattform nebenan.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen besser zu vernetzen. Dabei macht man den ersten Schritt online, sodass es dann offline besser klappt. Unsere Stiftung hat das gleiche Ziel: Durch Aktivitäten wie den Tag der Nachbarn oder den Deutschen Nachbarschaftspreis versuchen wir, lokales Engagement gezielt zu fördern. 

 

Ist der lokale Bezug also eine Gegenbewegung zur Globalisierung?

 

Gegenbewegung würde ich es nicht nennen. Ich selbst und auch viele Menschen in der Stiftung und Projektteilnehmer profitieren natürlich vom viel zitierten „globalen Dorf“. Aber ich glaube, es ist gut, wenn ich einen Gegenanker habe. Der hilft nämlich, dass ich mich in der komplizierten Welt und Informationsflut der Medien nicht verliere. Statt durch für mich unlösbare globale Probleme gelähmt zu sein, erlebe ich wieder Handlungsmöglichkeiten, wenn ich mich frage: Wo kann ich mich in meinem Quartier engagieren? Wie kann mein Nachbar mir bei bestimmten Aufgaben helfen? Und was kann ich im Gegenzug für meine Nachbarn tun? Über Angebote wie nebenan.de bieten sich dafür zahlreiche Möglichkeiten. Ich kann etwa regelmäßig in einem Nachbarschaftsgarten oder einer Seniorenbetreuung helfen, den berufstätigen Eltern von Gegenüber beim Babysitten unter die Arme greifen oder einfach am Spätnachmittag zusammen im Hinterhof sitzen und einander erzählen, wie der Tag war – das kann erden und Zuversicht geben. 

 

Das klingt, als sei Nachbarschaft nicht nur für aktuelle Fragen wichtig, sondern auch für eine bessere Zukunft?

 

Auf jeden Fall! Die Hilfe, die ich in meiner Nachbarschaft finden kann, umfasst ja nicht nur konkrete Dienste wie Blumen gießen oder Mehl ausleihen. Es geht ja auch darum, füreinander da sein und Interesse am anderen zu zeigen. Nachbarschaft kann somit ein Gefühl von Heimat schaffen. Zudem hat Nachbarschaft Auswirkungen auf unseren Umgang mit Ressourcen. Tauschen und Teilen sind hier die Devisen. Ich kenne das vom Dorf, wo ich groß geworden bin. Da besitzt oft nur ein Nachbar eine Kreissäge, die die Straße auf- und abwandert, je nachdem wer sie gerade benötigt. Wenn man unserer Wegwerfgesellschaft etwas entgegensetzen will, ist das sehr wertvoll. Ein anderes Beispiel: Ich habe zu viel gekocht hat und schaffe es nicht selbst, alles aufzuessen. Den Überschuss meinem Nachbarn zu bringen, ist eine Win-Win-Situation: Der Beschenkte freut sich über die unverhoffte selbstgemachte Mahlzeit und ich selbst muss nichts wegwerfen. Das funktioniert natürlich viel besser, wenn ich weiß, wer nebenan wohnt.

 

Das sind ja alles recht alltägliche Dinge. Entstehen durch Ihre Plattform auch größere Projekte?

 

Es gibt viele Orts- oder Stadtteilgruppen, die sich zusammenfinden und darüber reden, was sie bewegt: Was muss verbessert werden, welche Wünsche haben wir für unser Quartier? So entsteht schnell eine Ideen-Lobbygruppe, die ihre Vorhaben konkretisiert und für die Umsetzung zum Ortsbeirat oder Stadtrat geht. Manchmal initiieren die Gruppen auch ein Crowdfunding, um zum Beispiel bestimmte Flächen zu erwerben oder zu verändern – etwa für Gemeinschaftsgärten oder Spielplätze. 

 

Wie lange braucht es denn in der Regel, bis solche Projekte Auswirkungen auf die Gesellschaft haben? 

 

Generell habe ich das Gefühl, dass es von der ersten Idee und dem Wunsch nach Veränderung ein bis zwei Jahre braucht, bis die Mitwirkenden das Projekt auf die Beine gestellt haben. Bei Projekten, die mit Geflüchteten arbeiten, sind die sichtbaren Auswirkungen zum Beispiel, dass ein Flüchtling aus der Übergangsunterkunft in eine WG oder eigene Wohnung umziehen kann. Oder dass er oder sie eine Anstellung findet oder eine Lehre machen kann. Wenn ein Projekt wirklich etwas verändern soll, dann muss es nachhaltig sein – man muss also dranbleiben. 

 

Mit dem Nachbarschaftspreis wollen Sie diese Nachhaltigkeit ja fördern. Sollen die Projekte damit auch ihren Bekanntheitsgrad steigern?

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis ist eine Auszeichnung, bei der es um Wertschätzung geht für das Engagement. Aber natürlich ist die Auszeichnung auch ein gutes Zugpferd, das zum Beispiel Kooperationen mit Sponsoren in Zukunft vereinfacht. Für die Jury ist die Entscheidung eine sehr schwierige Aufgabe, denn verdient haben es natürlich alle. Engagement ist immer lobenswert, egal in welcher Größe es passiert. Ich bin sogar eher ein Fan davon, auf lange Zeit Gutes im Kleinen zu tun, als nur kurze Zeit großflächig zu handeln.

 

Inwieweit verkörpert EfQ den Nachbarschaftsgedanken?

 

EfQ ist ein tolles Beispiel dafür, was Nachbarn gemeinsam auf die Beine stellen können. Bei den Projekten haben sich Engagierte aus den Vierteln zusammengefunden und sich im Kleinen organisiert einem globalen Problem angenommen. Die Idee dahinter ist, im Lokalen groß zu wirken und dort nachhaltig zu agieren. Und wenn es im Kleinen funktioniert, Menschen begeistert und erste Eindrücke hinterlässt, kann man es skalieren und diese Idee in einen großen Kontext packen. Für Themen wie die Klimakrise müssen wir jetzt im Kleinen radikal und viel arbeiten, damit ein Wandel geschehen kann. Besonders beeindruckt hat mich bei EfQ buchstäblich die Energie der Beteiligten, der Hunger nach Veränderung und die Begeisterung für das Thema – und das damit verbundene Ehrenamt. Auch die unterschiedlichen Herangehensweisen und Ideen waren inspirierend. Es sind sehr unterschiedliche Projekte, aber alle haben das gleiche Ziel. Das ist großartig und macht Mut. 

 

Merken Sie auch bei den Projekten Ihrer Plattform, dass Energiewende heute eine größere Rolle als noch vor ein paar Jahren?

 

Das Gefühl haben wir auf jeden Fall. Es bewerben sich sehr viele Umweltprojekte. Zum Beispiel entstehen immer mehr Gemeinschaftsgärten, die auch einen Bildungsauftrag erfüllen. Da lernen Kinder und Erwachsene, woher das Gemüse kommt und wie man es verwerten kann. Oder wie lange ein Baum zum Wachsen braucht. Wir haben auch viele Projekte, die gegen die Ressourcenverschwendung ankämpfen. Dazu zählen plastikfreie Geschäfte oder Initiativen, die versuchen, Alternativen zur Wegwerfgesellschaft zu schaffen. Dort reparieren sie kaputte Sachen und schaffen einen Kreislauf, etwa durch Secondhand- oder Upcycling-Projekte. 

 

Engagieren Sie sich auch selbst in Ihrer Nachbarschaft?

 

Ja, ich wohne in Neukölln und bei mir um die Ecke hat vor kurzem eine Flüchtlingsunterkunft eröffnet. Dort engagiere ich mich bei der Essensausgabe und in Gesprächen mit den Flüchtlingen. Außerdem hat unser Haus eine sehr aktive Nachbarschaft. Es wird viel getauscht, zum Beispiel wenn einer groß gekocht hat. Ich lebe zudem in einer großen Wohngemeinschaft. Wir teilen alles, was im Kühlschrank ist. Also haben wir hier schon unseren eigenen kleinen Ressourcen-Zyklus.

 

Foto Credits: Ravi Sejk – medienmalocher

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