Reallabor: Energieavantgarde Anhalt

Dezentral. Vernetzt. Gemeinsam – mit diesem Anspruch ist die Energieavantgarde Anhalt vor drei Jahren an den Start gegangen. Ziel ist es seitdem, die volkswirtschaftlichen Anforderung an die Energiewende mit dem klimapolitisch Notwendigen und dem gesellschaftlich Erforderlichen auf regionaler Ebene zu vereinbaren und ein dezentrales Energiesystem (für Sachsen-Anhalt) zu entwickeln. Um sinnvollen Innovationen im Rahmen des Versuchs eine echte Chance zu geben, wurden auch neue Geschäfts- und Partizipationsmodelle in systematischen Start-Up-Prozessen erprobt. Wir haben den „Energieavantgarde Anhalt e.V.“ bei seinem Vorhaben bis Sommer 2017 begleitet, unterstützt und ziehen nun eine Bilanz. Angefangen bei der Notwendigkeit einer breiten, gesellschaftlichen Partizipation, dem Denkansatz aus der Verbraucherperspektive bis hin zu außer Acht gelassenen Aspekten, die durch ein regionales Energieversorgungskonzept berücksichtigt werden können, führen wir drei Thesen ins Feld, die unsere Erkenntnisse zusammenfassen.

 

Lessons Learned: Drei Thesen zu drei Jahren „Energieavantgarde Anhalt“

 

Die Energieavantgarde Anhalt war und ist ein Versuch – angelegt, um auch Scheitern als wertvolles Ergebnis darzustellen. Ehrlichkeit ist daher auch bei der Kommunikation der Ergebnisse wichtig. Bei dem Versuch geht es vor allem um die partizipative Gestaltung eines innovativen Vorhabens: Gemeinschaftlich soll ein regionales Energiesystem entwickelt und schrittweise umgesetzt werden. Nach wie vor lässt sich die Überlegenheit von regionalen gegenüber zentralistischen Lösungen rein energiewirtschaftlich nicht zweifelsfrei begründen. Fraglich ist überhaupt, ob ein solcher Beweis vor dem Hintergrund der Einzigartigkeit jedes Experimentierfelds in einem Reallabor abschließend zu erbringen ist.

 

These 1: Reallabore sind als Experimentierfelder geeignet, wenn Partizipation ernstgenommen und nicht exklusiv mit wenigen Akteuren praktiziert wird.

 

Für Regionalität spricht genau eines: Partizipation. Ein breites Verständnis von Partizipation umfasst politische und gesellschaftliche Mitwirkung, die regional leichter fällt, und ökonomische Teilhabe (im Sinne regionaler Wertschöpfung vieler gesellschaftlicher Akteure, auch im Sinne von Anti-Entfremdung). Jedoch ist Partizipation, die auf einem abstrakten Level bleibt, Eliten-Angelegenheit. Die Energieavantgarde Anhalt zeigt: Bei der Frage, wie ein regionales Energiesystem konzipiert, deliberiert und schließlich umgesetzt werden kann, arbeiten sich trotz vieler Beteiligungsangebote nur Experten mit – ein struktureller Nachteil, den wir aus vielen anderen Beteiligungsprozessen kennen. Eine solche Form der Partizipation hat letztlich wenig mit Demokratie zu tun. Man gewinnt auch wenig, denn die regionalen Experten unterscheiden sich nicht sehr von überregionalen Experten. Wir brauchen daher ein neues, ein radikaleres Verständnis von Partizipation. Die persönliche Betroffenheit ist dabei Grundvoraussetzung. Systematisch (also über punktuelle Anlässe hinausgehend) von der Energiewende betroffen ist die Mehrheit der Menschen nur in ihrer Rolle als Verbraucher.

 

These 2: Wer eine partizipative Energiewende will, der muss sie vom Verbraucher aus denken.

 

Nur Lösungen, die vom Verbraucher wahrgenommene Probleme berühren, führen zu einer aktiven Beteiligung. Komplexe und abstrakte Problemstellungen bleiben Gegenstand von Expertendiskursen. Die Koinzidenz von Dezentralisierung und Digitalisierung macht eine vollkommen neue Qualität einer so verstandenen Partizipation möglich. Denn das Energiemanagement kann in jeder Hinsicht vom Verbraucher ausgehen. Betrachtet man die historische Entwicklung, insbesondere der Stromwirtschaft, dann wird deutlich, dass dies einen Paradigmenwechsel darstellt. Wem es mit dem Topos der Energiewende als Gemeinschaftswerk ernst ist, der muss diesen Paradigmenwechsel als Gestaltungsaufgabe verstehen. Eine Rhetorik der Partizipation hilft wenig. Gefragt sind konkrete Handlungsmöglichkeiten für den Verbraucher.
Die Digitalisierung erlaubt es bisher administrativ aufwändige und intellektuell voraussetzungsreiche Prozesse zu vereinfachen. Dies erlaubt Handlungsautonomie und befähigt den Verbraucher durch eigenes Handeln einen wirtschaftlichen Mehrwert zu erzielen.
Grundvoraussetzung ist jedoch der ökonomische Nutzen. Der bisher passive Verbraucher muss sich als energiewirtschaftlicher Akteur verstehen. Folglich sollte auch ein zukünftiges Energiesystem jeden ermächtigen, den eigenen Präferenzen folgend Energie zu erzeugen, zu konsumieren und zu handeln.

 

These 3: Ein Regionales Energiesystem berücksichtigt die im bestehenden System außer Acht gelassenen Aspekte Regionalität, Integration erneuerbarer Energien, Sektorenkopplung und ermöglicht wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe.

 

Regionale und auf regenerativen Energien basierende Energiesysteme sind disruptiv und erfordern ein umfassendes Umdenken in der Erzeugung, dem Handel und der Verteilung entlang der drei Energiesektoren Strom, Wärme/Kälte und Mobilität. Die Energieavantgarde Anhalt hat mit dem energiewirtschaftlichen Modell des Regionalen Balancekreises einen Gegenentwurf zu den bisherigen, nicht nach Regionalität, Sektorenkopplung und Teilhabe differenzierenden Einzelsystemen entwickelt, der diese Aspekte fundamental verankert. Wie das Modell genau funktioniert und welche Anforderungen es stellt, kann hier nachgelesen werden.

 

Weiterentwicklung des Bilanzkreismodells zum regionalen Balancekreis

 

Ein Schlüssel zur Umsetzung eines Regionalen Energiesystems ist die Nutzung von Digitalisierungstechnologien, um die Energiedaten effizient verarbeiten und die komplexen Austauschbeziehungen (insbesondere zwischen den Sektoren und Flexibilitätsoptionen) steuern zu können. Regionale Energiesysteme bieten durch ihren vereinfachten Zugang die Möglichkeiten, die Präferenzen weiterer Akteure (z.B. Prosumer) besser zu berücksichtigen und so die zuvor beschriebene Voraussetzung für ökonomisch und gesellschaftlich partizipierende Akteure zu bilden. Dieses Potenzial entfalten sie durch ihre Komplexität und die vorherrschende Unmündigkeit im bestehenden System bisher jedoch nur unzureichend. Die Erfahrungen der Energieavantgarde Anhalt zeigen jedoch, dass die Möglichkeiten, die ein solches System bietet, großes Potenzial beinhalten und die Energiewende insgesamt sozial nachhaltiger werden lassen.

Es lässt sich festhalten, dass die Entwicklung eines regionalen Energiesystems konzeptuell gelungen ist. Die Umsetzung ist trotz der Risikobereitschaft und Innovations- sowie Investitionsfreudigkeit der handelnden Akteure bisher jedoch nicht gelungen. Ein Regionales Energiesystem wird momentan durch wirtschaftliche und/oder regulatorische Gründe schlichtweg verhindert, was sich trotz aller Anstrengungen in den drei Jahren nicht ändern ließ.

 

Link zum Projekt

 

Ansprechpartnerin: Friedrich Horn