Avantgarde in der Mitte der Gesellschaft? Reflexionen zu drei Jahren Energieavantgarde – Teil 1

Die Energieavantgarde Anhalt ist vor drei Jahren gestartet, ein neues, regionales, dekarbonisiertes und partizipatives Energiesystem zu schaffen. Anlass für Mitinitiator Stephan Muschick, die letzten drei Jahre Revue passieren zu lassen. In Teil 1 des Textes beschreibt er die Herausforderungen, als Avantgarde zu überzeugen.

 

Wer zu früh kommt…

 

Geht man zurück in die Militärgeschichte, bezeichnet „Avantgarde“ eine Vorhut, die den regulären Truppen voranschreitet, schnell neue Wege testet und dabei größere Risiken eingeht. Da nun die Energiewende landläufig als „Gemeinschaftswerk“ gilt, hinkt das Bemühen eines militärischen Kontextes – können Energieavantgardisten doch schlimmstenfalls von Freunden und Mitstreitern umzingelt sein.

 

Besser geeignet für eine kritische Reflexion von mehr als drei Jahren Energieavantgarde Anhalt erscheint daher der Avantgardebegriff, wie ihn sich die Kunstgeschichte zueigen gemacht hat. In diesem Kontext schwingen Dimensionen mit, die – bei dialektischer Betrachtung – einerseits zum Selbst- und Sendungsbewusstsein der Avantgardisten beitragen (und zu ihrem Erfolg), die andererseits ein Scheitern jedweder avantgardistischen Bemühung gleichsam in das Unterfangen integriert. Zum einen laufen Avantgardisten kaum Gefahr, zu spät zu kommen. Vom Leben bestraft werden können sie trotzdem, kommen sie doch definitionsgemäß häufig zu früh. Sie tauchen auf, sie sagen, das Alte sei schlecht und das Neue sei gut: Aber sie sind wie die Rufer in der Wüste. Niemand folgt ihnen.

 

Und ist der Gestus der Avantgardisten nur rechthaberisch genug, ist da viel Behauptung und wenig Experiment, mag Recht haben das eine sein. Die Welt verändern sie dann nicht. Die „Mitte der Gesellschaft“ nimmt die Rechthaber nicht wahr.

 

Balancekreis mit Charme, aber…

 

Aber darauf kommt es an: Gemeinsam ein ganzes Energiesystem umzubauen – von zentralistischen Erzeugungsstrukturen, hunderten von Kilometer langen Netzen und Kunden, für die der Strom schlicht aus der Steckdose kommt, hin zum dekarbonisierten Energiesystem der Zukunft. Die Hypothese der Energieavantgardisten lautet dabei: Regional ist besser! Wenn alle von Dezentralisierung sprechen, sich die Geister aber daran scheiden, was genau das bedeutet (zellular-vernetzt oder autark oder doch eher in konzentrischen Kreisen gedacht), hatten die Avantgardisten ihre Antwort von Beginn an parat: Dezentral ist regional ist besser. Denn ein regionales Ausbalancieren von Erzeugung und Verbrauch sorge nicht nur für eine gesteigerte Wertschöpfung von Ort, sondern für zufriedene, aktive und engagierte Akteure – neudeutsch „Prosumer“ – gleich mit. Und den dumpfen, auf Aus- und Abgrenzung fußenden Rezepten der Populisten und der allgemeinen Verdrossenheit der Bürger könne man auch gleich noch ein Schnippchen schlagen.

 

Vor mehr als drei Jahren war dieses Denken, war diese Hoffnung tatsächlich Avantgarde. Und zwar im Guten wie im Schlechten. Die Idee eines regionalen Balancekreises, eines regionalen, sektorenübergreifenden Energiesystems, hatte Charme und rief – Feinde gibt es beim Gemeinschaftswerke Energiewende ja nicht – Kritiker und Skeptiker auf den Plan. Die Energieavantgarde drohte angesichts eines noch weit abgeschlagenen Hauptfelds zu verzagen, sich im Klein-Klein zu verlieren und sich lähmenden Struktur- und Grundsatzdebatten hinzugeben.

 

Auf der Stelle treten statt weiter vorangehen. Ohne zu merken, welche Chancen sich links und rechts auftaten. Denn zwischenzeitlich war eines klar geworden: Ohne das dekarbonisierte Energiesystem radikal digitalisiert zu denken, und zwar sowohl in seiner Infrastruktur als auch in der Handhabung der in ihm erzeugten Datenströme, würden weder Dekarbonisierung noch eine auf die Region dimensionierte Dezentralisierung gelingen. Und damit könnten all jene wieder Oberwasser gewinnen, deren Mantra heute wieder stärker zu vernehmen ist: dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten dürfe und dass das Neue erst einmal beweisen müsse, dass es besser funktioniere als das Alte.

 

Stephan Muschick
Der Text erschien zuerst auf Seite 2 der Energia Nr. 6.

 

Lesen Sie hier Teil 2 des Beitrags.

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