Avantgarde in der Mitte der Gesellschaft? Reflexionen zu drei Jahren Energieavantgarde – Teil 2

Das Ziel: ein regionales Energiesystem. Dafür setzt sich die Energieavantgarde Anhalt seit drei Jahren ein. Ein guter Zeitpunkt für Mitinitiator Stephan Muschick sich mit den bisherigen Höhen und Tiefen auseinanderzusetzen. In Teil 2 des Textes fordert er die Avantgardisten zum Machen auf – und dazu, sich auf den Weg in die Mitte der Gesellschaft zu machen. Teil 1 des Textes finden Sie hier.

 

Nichts falsch gemacht, und doch…

 

Was also hat die Energieavantgarde mit alle ihrem Partnern und Unterstützern (der Autor diese Zeilen schließt sich hier mit seinen Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich mit ein) falsch gemacht? Nichts, lautet die Antwort. Der Ansatz ist nach wie vor richtig, und mittlerweile zeigen andere, welche Anziehung Regionalität auch im Strom-, Wärme- und Mobilitätssektor besitzt. Aber über einen regionalen Balancekreis zu debattieren ist das eine. Andere machen einfach ein Produkt daraus. Sie messen Daten, speisen sie in eine intelligente Software ein und optimieren die Netzauslastung oder bieten echte regionale Grünstromlösungen an. Mit einem Unternehmen über Wochen im Gespräch zu sein, ist das eine. Sich auf einen Business Case zu einigen, das haben andere, nicht die Energieavantgardisten aus der Region Anhalt geschafft. Avantgarde zu sein erfordert Entschlossenheit. So kann derjenige, der einst zu früh startete, am Ende doch zu spät kommen.

 

Avantgardisten neigen zudem dazu, sich abzuschotten und von ihrer Insel aus in die Sonne zu blinzeln – und die anderen gucken in die Röhre. Will heißen: Ohne ein klares Verständnis davon, was Partizipation im Kontext einer dezentralen Energiewende bedeutet, bleibt jede Energieavantgarde unter sich und kann sich internen Flügelkämpfen widmen.

 

Dialogveranstaltungen und regionale Newsletter sind schön. Aber wenn stets nur dieselben kommen, lesen und diskutieren, droht jede noch so fruchtbare Idee auszutrocknen. Auch hier: mehr Radikalität muss her. Partizipation ist mehr als ein Gegenstand sozialwissenschaftlicher Oberseminare. Sie ist die Voraussetzung für das Gelingen der dezentralen Energiewende – auch in der Region. Erfolgreiche Partizipation heißt vor allem, den einzelnen und die Gemeinschaften einer Region zum Nutznießer einer so gestalteten Energiewende zu machen. Partizipation heißt radikale Orientierung auf den Verbraucher. Wer die Frage „What’s in it for me?“ nicht beantworten kann, wer die Energiewende nicht vom Bürger her denkt, scheitert.

 

Ich weiß, dass ich nichts weiß

 

Was zu einem weiteren, anfangs bereits erwähnten Punkt führt: Auf welche Weise die Avantgardisten und ihre Mitstreiter die richtigen Fragen stellen und ihre Lösungen in die sozialen Kontexte einer Region einbringen, entscheidet über den Erfolg. Appelle helfen wenig; Jammern aber auch nicht. Zwar ist es wohl wahr, dass der derzeitige regulatorische Rahmen so manche Lösung erschwert oder unmöglich macht. Aber entscheidend ist etwas anderes: Fragen stellen und Lösungen einbringen funktioniert niemals aus der Perspektive des Besser-Wissers, sondern nur aus der Perspektive desjenigen, der sich eingesteht, nichts zu wissen – über den Verbraucher, über dessen Präferenzen und dessen Vorbehalte. Hier gilt es, den radikalen Schritt nach vorn zu machen, soll die regionale Energiewende gelingen: hin zu mehr Offenheit, hinein ins wirkliche Leben. Energieavantgardisten dürfen es nicht all den anderen Modellierern und Bescheidwissern gleichtun. Sie müssen einfach MACHEN. Machen, ohne das Ergebnis schon vorher zu kennen, machen und auch scheitern dürfen – kurz gesagt ist das die Logik des Experiments.

 

Wenn es also gelingt, all das Erreichte – vor allem das Wissen um die theoretische und volkswirtschaftliche sinnvolle Möglichkeit, Energie regional zu denken und das System entsprechend umzubauen – mitzunehmen und jetzt dem Verbraucher mittels vieler einzelner Lösungen Angebote zu machen, die er oder sie annehmen kann oder auch nicht, werden die Energieavantgardisten sagen können, sie seien nunmehr keine Avantgardisten mehr sondern in der Mitte der Gesellschaft – mit spürbaren Beiträgen zur Rettung des Klimas und einer florierenden regionalen Wirtschaft – angekommen.

 

Stephan Muschick

Der Text erschien zuerst auf Seite 2 der Energia Nr. 6.

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