Smart Meter: Der Schlüssel, um Verbraucher bei der Energiewende mitzunehmen

Rund 30 Millionen Euro könnten deutsche Verteilnetzbetreiber pro Jahr sparen, wenn sie die Last in ihren Netzen genauer prognostizieren würden.

 

Dies ist das Ergebnis einer Arbeit, die der Wirtschaftsingenieur Simon Beuker im Rahmen des von dynamis geförderten Projekts „Energieavantgarde Anhalt“ vorgelegt hat.

 

Eigentlich ist Prognosegenauigkeit in der Energiewirtschaft alles. Doch genau daran hapert es bei dem Netzbetrieb, wie Beukers Arbeit zeigt. Grund ist, dass die Netzbetreiber für einen Großteil ihrer Kunden – nämlich alle Privathaushalte, landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe – den tatsächlichen Verbrauch nicht in Echtzeit, sondern nur einmal im Jahr als Summe erheben. Für die viertelstündliche Prognose der Netzlast, die für die Frequenzerhaltung unabdingbar ist, schätzen sie den jeweiligen Verbrauch anhand sogenannter Standardlastprofilen. Diese Profile stellen eine Annäherung an den tatsächlichen Verbrauch dar, aber es treten zum Teil erhebliche Abweichungen auf, die die Netzbetreiber dann an dem im Vergleich zum normalen Strommarkt sehr viel teureren Regelenergiemarkt ausgleichen müssen. So werden unnötige Kosten verursacht.

 

Abhilfe könnten Smart Meter schaffen. Denn sie erlauben es, den individuellen Verbrauch in hoher zeitlicher Auflösung nachzuvollziehen. Auf dieser Basis könnten entweder sehr viel genauere Profile erstellt werden – theoretisch könnte jeder einzelne Verbraucher sein individuelles Profil erhalten. Oder der tatsächliche Verbrauch wird in Echtzeit am regulären Strommarkt bewirtschaftet. Dies würde aber sehr viel kürzere Handelsperioden voraussetzen. Heute kennt der Stromhandel nur die Viertelstunde als kleinste Zeitintervall. Wie auch immer, bis jetzt ist dies reine Theorie. Denn der Roll-Out der Smart Meter verzögert sich immer weiter. Außerdem sollen nach dem Willen des Gesetzgebers die meisten Privathaushalte ausgelassen werden.

 

Doch die Arbeit von Beuker zeigt: Dass Smart Meter noch nicht flächendeckend bei allen Verbrauchern installiert sind und (Stand heute) auch nie installiert sein werden, bedeutet nicht, dass den Netzbetreibern die Hände gebunden wären. Im Gegenteil, sie können auch heute schon leicht die Qualität der Lastprognose erhöhen und damit die Kosten der Prognosenungenauigkeit signifikant verringern. Dafür müssten sie die deutschlandweiten Standardlastprofile, die ihnen vom Energiebundesverband (BDEW) zur Verfügung gestellt werden, ersetzen durch spezifischere Profile, die speziell die Situation in ihrem jeweiligen Verteilnetz abbilden.

 

Einige Netzbetreiber haben dies bereits getan, mit teil spektakulären Ergebnissen: Nach Beukers Berechnungen reduziert sich die Prognoseungenauigkeit bei diesen Netzbetreibern im Vergleich zu solchen, die darauf verzichten, um rund zwei Drittel. Beuker kritisiert in diesem Zusammenhang, dass vor allem kleinere Netzbetreiber offensichtlich davor zurückschrecken, spezifischere Profile zu verwenden, obwohl bei ihnen das relative Einsparpotenzial besonders groß ist.

 

Beukers Arbeit verweist damit auf ein grundlegendes Problem. Die Hemmnisse, mit besserer Datenanalyse präziser zu arbeiten, sind groß. Das liegt sicherlich zum einen daran, dass es zu wenig wirksame ökonomische Anreize gibt. Zum anderen scheint bei vielen Netzbetreibern aber auch schlichtweg das Verständnis dafür zu fehlen, welchen Wert präzise Daten und komplexere datenanalytische Verfahren haben. Es ist also auch ein kulturelles Problem. In seiner Auswirkung dürfte es durchaus dramatisch sein. Denn eine Digitalisierung, bei der wesentliche Akteure gar nicht bereit zu sein scheinen und auch wenig motiviert wirken, aus Daten (betriebswirtschaftlichen, volkwirtschaftlichen oder gesellschaftlichen) Mehrwert zu generieren, verschenkt ihr eigentliches Potenzial. Letztlich spielt dies dem Regulierer in die Hände, der es ohnehin vorzieht, die Digitalisierung mit den vier großen Übertragungsnetzbetreibern zu vollziehen als mit den vielen kleinen Verteilnetzbetreibern.

 

Für dynamis ist die Digitalisierung ein wichtiger Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit der Energiewende. Zum einen, weil sie Gerechtigkeit erhöht. Dies gilt auch für die spezifischere Profile. Nur wenn sie vorliegen, können diejenigen, die sich netzdienlich verhalten, belohnt werden. Dies erfüllt das Kriterium der Verursachergerechtigkeit. Vor allem aber gilt: Nur mit individuellen Profilen können Verbraucher voll bei der Energiewende mitspielen und partizipieren. Daher lässt sich Beukers Arbeit alles in allem nicht nur als ein Aufruf für mehr Kosteneffizienz im Netzbetrieb, sondern mittelbar auch als Appell für mehr soziale Nachhaltigkeit lesen.

 
Ein Beitrag von René Mono, dynamis

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