Strom aus dem Quartier für das Quartier

Unternehmen können bei der Energiewende eine aktive Rolle einnehmen. Wie das geht zeigt das Reallabor Broichstrom im Klimaquartier Broich.

 

Drei Viertel der Bevölkerung Deutschlands leben in Stadtquartieren – und dort wird ein großer Anteil der deutschen Endenergie verbraucht. Umfragen zeigen, dass viele Bürgerinnen und Bürgr sich gerne vor Ort für mehr Klimaschutz einsetzen wollen. Doch wie?

Im Mülheimer Stadtteil Broich entwickeln engagierte Wirtschaftsvertreter gerade eine Antwort auf diese Frage. „Wir wollten als Unternehmer auch mal zeigen, dass wir einen aktiven Beitrag zur Energiewende und Klimaschutz leisten können“, sagt Rolf Bellenbaum, Vorsitzender der örtlichen Unternehmensvereinigung Broicher Interessen-Gemeinschaft e.V, die 70 der rund 300 im Quartier ansässigen Unternehmen aus Handel, Handwerk und Dienstleistungen vertritt. „Als wir gesehen haben, was da möglich ist, war klar: Da müssen wir ran“, sagt Rolf Bellenbaum von dem Moment, als ihm das Solardach-Kataster der Stadt Mülheim das enorme solare Potenzial offenbarte.

Gemeinsam mit dem Energieexperten Hans-Peter Winkelmann von Climate Campus hat Bellenbaum die Idee entwickelt, auf den Dächern von Gewerbe- und Industriegebäuden in Broich Photovoltaikanlagen zu bauen.

Das Team vor Ort mit Rolf Bellenbaum (2 v.l.) und Hans-Peter Winkelmann (ganz rechts) / © Ravi Sejk

Strom vom Dach – das ist natürlich längst nicht mehr neu. Das Innovative an der Broicher Initiative ist die Art der Finanzierung des Projekts. Die beiden Strompioniere hoffen, angesichts der weiter steigenden Strompreise nicht nur einen attraktiven Strompreis anbieten zu können, sondern diesen auch über mindestens fünf Jahre stabil halten zu können. Power Purchase Agreements (PPAs) werden solche langfristige  Lieferverträge, die Kunden gegen Preissteigerungen absichern, in der Fachsprache genannt. Auf diese Weise haben Kunden eine  einmalige Preisgarantie. Und die Betreiber von Anlagen sind nicht von der Politik abhängig. Denn PPA versprechen eine Finanzierung von Solar- und Wind-Anlagen auch ohne die Einspeisevergütung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Bislang werden solche PPA nur von stromintensiven Großunternehmen wie zum Beispiel der Deutschen Bahn genutzt. BroichStrom will auch Privatkunden diese Möglichkeit geben – damit stellt dieses Reallabor europaweit ein absolutes Novum dar.

 

 

Ein richtungsweisendes Konzept, das zu realisieren aber nicht ganz einfach ist. „Es gibt schon eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen, die man ganz eindeutig als hinderlich bezeichnen kann“, sagt Winkelmann. Beispielsweise kann die geplante Anlage in Broich die Leistung von 100 kWp nicht überschreiten, weil dann spezielle regulatorische Anforderungen gelten. „Würden wir mehr Leistung installieren, dann würden wir von den Auflagen gleichgestellt werden mit 500-Megawatt-Windparks auf der hohen See, also absoluten Industrieprojekten“, sagt Winkelmann. Nicht sehr sinnvoll, meint der Experte. „Wenn man politisch über wirklich vernünftige Klimaschutzpolitik und Energiewende nachdenken würde, müsste man die Regeln für kleinere Anlagen radikal vereinfacht werden“, so der Experte, der darauf verweist, dass auch das Europarecht eine Ent-Bürokratisierung für lokale Projekte vorsieht.

 

Wertschöpfung vor Ort

 

Tatsächlich hat die Idee, Solarstrom vor Ort zu produzieren und zu verbrauchen, zahlreiche Vorteile: Er ist klimaneutral und muss nicht lang transportiert werden, somit belastet er die Stromnetze nicht. Zudem findet die Wertschöpfung vor Ort statt. Das heißt, der Strom und die zur Erzeugung notwendigen Rohstoffe müssen nicht von irgendwo her importiert werden – ganz anders als Energie aus Kohle und Öl, die fast immer aus instabilen Regionen der Welt stammt.

 

„Insbesondere der lokale Aspekt hat einen weiteren Riesenvorteil. Er macht begreifbar, wie Energiewende funktioniert“, sagt Bellenbaum. Deswegen ist der Projektmanager besonders glücklich, dass sich für das Pilotprojekt der Betreiber eines Supermarktes einverstanden gezeigt hat, seine Dachfläche zu vermieten. „Dort gehen jeden Tag viele Menschen einkaufen und werden so natürlich auf das Projekt aufmerksam. Und für das Unternehmen ist die Erzeugung von grünem Strom natürlich gute PR“, sagt Winkelmann. Für die Menschen im Quartier, die den lokalen grünen Strom beziehen, ist es eine Möglichkeit wirklich etwas für die Energiewende zu tun, ohne ein eigenes Solardach installieren zu müssen. Klimaschutz findet genau dort statt, wo die Menschen leben.  Hinzu kommt die Absicherung gegen steigende Preise. „Das ist eine echte WinWin-Situation“, findet Bellenbaum.

 

Mit diesen Argumenten hoffen Rolf Bellenbaum und Hans-Peter Winkelmann ausreichend Bürgerinnen und Bürger zu überzeugen, die sich verpflichten, den Strom abzunehmen. Rund 50 Haushalte müssen als Abnehmer gefunden werden.

 

 

Stadtwerke als Profi-Partner

 

Der Arbeitstitel für das Stromprodukt lautet „Broichstrom powered by medl“. Den Vertrieb sowie das Marketing wird die medl GmbH als lokales Stadtwerk in Mülheim übernehmen. Sie betreibt auch das Biogas-BHKW, aus dem der Reststrom bezogen wird, wenn die Solaranlage gerade nicht ausreichend Strom für seine Kunden erzeugen kann. „Auch dieses Kraftwerk liegt mitten in Broich, man kann also auch dort wirklich sehen, woher der Strom kommt. Das ist das Charmante an diesem Projekt“, sagt Winkelmann.

 

Das Reallabor soll zeigen, dass Stromlieferverträge mit PPAs auch für kleinere Akteure geeignet sind und einen Teil zur sozialen Gerechtigkeit der Energiewende beisteuern können. Bislang sei die Idee überall nur auf positive Resonanz gestoßen. „Das macht uns sehr zuversichtlich, dass wir schnell ausreichend Kunden gewinnen können“, sagt Bellenbaum. Sobald dies gelungen ist, werden die Module auf dem Rewe-Dach installiert. Der Part kann schon fast als Routineaufgabe durchgehen. Wenn alles glatt geht, könnten die Bürgerinnen und Bürger in Broich bereits mit der ersten Frühlingssonne 2020 den vielleicht innovativsten Strom Deutschlands beziehen.

Ihre Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.