Drei Thesen: So gelingt die Energiewende vor Ort

Die Energiewende ist eine Aufgabe, die nicht allein Politik und Wirtschaft nach dem Top-Down-Prinzip umsetzen können. Die Arbeit von Projekten, die in der Lebenswelt und im Alltag der Bürger ansetzen, ist unverzichtbar, damit der Wandel gelingt.

 

Energie fürs Quartier” ist so ein Förderprojekt. Von dynamis initiiert, unterstützt es acht Teams um soziale Innovatoren dabei, die Energiewende im städtischen Raum umzusetzen. Im Fokus stehen dabei sozial benachteiligte Viertel, deren Anwohner die Energiewende nutzen wollen, um ihr Quartier lebenswerter zu gestalten. „Energie fürs Quartier” will auch herausfinden, welche Bedingungen Menschen benötigen, damit im Anschluss andere Städte und Regionen ähnliche Projekte etablieren können.

Der Ansatz von „Energie fürs Quartier” beruht auf der Literaturstudie „Prometheus: Menschen in sozialen Transformationen am Beispiel der Energiewende” von Heike Walk, Melanie Müller und Dieter Rucht (2015), veröffentlicht vom dynamis-Partner 100 prozent erneuerbar stiftung. Hier geht’s zum kostenlosen PDF-Download. Die Autoren haben drei zentrale Ergebnisse entwickelt, die das Projekt auch praktisch durchführbar machen. Da sich diese meist erst in der Anfangsphase befinden, lässt sich noch keine abschließende Evaluation vornehmen. Erste Erkenntnisse unterstützen aber die aufgestellten Thesen der Studie.

 

Ergebnis 1: Eine nachhaltige Energiewende erfordert, dass die Menschen vor Ort (unternehmerisch) handeln.
Das Team um Stefan Kohlmann möchte einen Laden in Essen eröffnen, in dem Bürger ausprobieren können, welche Möglichkeiten die Energiewende bietet: das „Fachgeschäft für Stadtwandel“. Seine bisherigen Erfahrungen bestätigen das erste Ergebnis der Studie. „Als Essen 2017 ‘Grüne Hauptstadt’ war, gab es viele Veranstaltungen zur Energiewende. Ein vollständiges Umdenken hat aber nicht stattgefunden, da die Stadt die Bürger nicht dauerhaft mit dem Thema konfrontiert hat“, erklärt Kohlmann. „Es ist wichtig, dass die Politik die Richtung vorgibt und glaubwürdig argumentiert, warum die Energiewende nötig ist. Aber das reicht nicht – wir müssen die Bürger auch mitnehmen und ihnen zeigen, wie sie selbst etwas bewegen können.” Dabei ginge es nicht nur um Strom, sondern auch um Mobilität und Konsum.

Kohlmann erzählt: „Über unsere Projekte erreichen wir die Menschen und bringen sie zum Umdenken. Ein Beispiel ist unser Lastenfahrrad, das man sich kostenlos ausleihen kann. Wenn Bewohner damit herumfahren, erzählen sie danach oft, dass Nachbarn und Menschen, die sie auf der Straße getroffen haben, begeistert waren und es auch gerne einmal ausprobieren möchten.“ Je mehr Bewohner immer wieder mit den verschiedenen Facetten der Energiewende konfrontiert werden, desto mehr könne man auch erreichen. „Durch unsere Angebote und Gespräche mit den Anwohnern leisten wir Überzeugungsarbeit. Nur so kann der Druck auf die Politik wachsen und nur so können wir ein wirkliches Umdenken erreichen.”

 

Ergebnis 2: In der Stadt sind die Bedingungen für eine nachhaltige Energiewende schwieriger als auf dem Land – vor allem mangelt es an verfügbaren Flächen. Förderprojekte sind deswegen hier noch wichtiger.

Wasserkraftwerk, Photovoltaik, Biogasanlage: Um erneuerbare Energien zu erzeugen, braucht man vor allem Platz. Den gibt es am ehesten auf dem Land und somit haben eher die Menschen dort die Chance, selbst zu Energieerzeugern zu werden. Das Gegenteil gilt für die Stadt. „75 Prozent der Menschen im Ruhrgebiet wohnen zur Miete und können deshalb selbst kaum Energie erzeugen. Damit fehlt ihnen auch oft der Bezug dazu”, sagen die Gründer von „Sonne2Go” Judith Pawlitta, Matthias Rheinlaender und Maximilian Czelinski.

In ihrem Makerspace in Gelsenkirchen, einer Art Do-it-yourself-Werkstatt, bieten sie unter anderem Solar-Workshops an. Dabei erklären sie die Technik hinter Photovoltaik und helfen beim Bauen eigener Anlagen. „Mit unserem Projekt stoßen wir auf enormes Interesse. Die Anlagen, die die Bewohner selbst bauen, kann man zum Beispiel auf dem Balkon anbringen und somit anfangen, auf kleinem Raum seinen eigenen Strom zu produzieren.” Dabei bemerken die drei Gründer, dass bei den Menschen ein Umdenken stattfindet, wenn sie erkennen, dass Strom nicht selbstverständlich ist und „geerntet” werden muss: „Die Menschen gehen dann viel sparsamer mit der Energie aus der Steckdose um. Außerdem bleibt es bei vielen nicht bei einer Solaranlage. Sie entwickeln Ehrgeiz und kaufen weitere Module, um noch mehr Strom selbst zu erzeugen.” Dahinter steht, auch das eine Erkenntnis aus der Prometheus-Studie, der Wunsch nach Autarkie – wiewohl der allein mit PV-Modulen an Kinderwagen sicherlich schwer erreichbar ist.

 

Ergebnis 3: Leuchtturmprojekte und Multiplikatoren agieren als Vorbilder und zeigen, dass soziale, motivationale und gesellschaftliche Aspekte für die Energiewende bedeutsam sind.

Um Bewohner eines Viertels für ein Thema wie die Energiewende zu aktivieren, braucht es zunächst Strukturen. Das Projekt Mehrgenerationenhaus aus Wesel am Niederrhein ist Teil der, nach einem Ortsteil benannten, Netzwerkgruppe Blumenkamp. Dort treffen sich verschiedene Vereine und Aktionsbündnisse des Viertels. Anne Oberdorfer vom Mehrgenerationenhaus erklärt, warum das Netzwerk erfolgreich ist: „Aktive Bürger und Vertreter von Aktionsgruppen kommen zusammen, um sich gegenseitig zu informieren und neue Ideen zu entwickeln. Es gibt regelmäßige Treffen, aber auch Aktionen, um andere Bewohner aufmerksam zu machen. So beziehen wir die Bevölkerung in die Energiewende mit ein.” Aus Lernenden werden Lehrende – das stärkt das Engagement, ausgelöst vom Gefühl der „Selbstwirksamkeit“, wie es die Prometheus-Studie nennt.

Das Mehrgenerationenhaus richtet sich an Menschen aller Generationen und hat das Ziel, das Miteinander zu stärken. „Indem wir uns mit dem Thema Energie auseinandersetzen, zum Beispiel am Energie-Stammtisch, können die Anwohner neue soziale Kontakte über alle Generationen knüpfen, Ideen entwickeln und Aktionen gemeinsam durchführen”, erklärt Oberdorfer. „Das stärkt die Identifikation mit dem Stadtteil und den sozialen Zusammenhalt in Blumenkamp. Es sind gerade ältere Leute, die sich in unserem Projekt engagieren und durch ihre berufliche Tätigkeit sehr viel Fachwissen mitbringen. Die Energiewende ist im Blumenkamp bei allen Generationen angekommen.”

Die vorgestellten Ergebnisse sind erste Erfahrungen, die die Teams in ihrer Projektarbeit erlebt haben. Eine ausführliche Evaluation wird später erfolgen. Die Ergebnisse stellen wir auch weiterhin hier im dynamis-Blog vor.

Ihre Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.