Verkehrswende mit Konzept

Die Verkehrswende wird vielfach ausschließlich technologiezentriert angegangen. Das Reallabor „Spurwechsel“ wird den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

 

Verkehrswende vor Ort planen – aber mit den Nutzer*innen! (c) cocomore

Die Verkehrswende ist in aller Munde, und an Vorschlägen, wie sie zu gestalten ist, mangelt es nicht. Die Idee, ein Slotmanagement für den Straßenverkehr nach Vorbild der Luftfahrt einzuführen, die dynamis-Teammitglied René Mono in der Frankfurter Rundschau vorgestellt hat, ist nur ein Beispiel. Andere setzen ihre Hoffnung auf die Einführung einer City-Maut und einen höheren CO2-Preis, auf Car Sharing, Elektromobilität und Autonomes Fahren, auf die Verteuerung des Anwohnerparkens oder ganz schlicht auf den ÖPNV und den Reisebus.

 

Das Problem bei all diesen Vorschlägen: Ob die Menschen dabei mitmachen, wie sie reagieren, welche Erwartungen sie an Mobilität haben, weiß niemand. Auch Reallabore, die Mobilitätskonzepte der Zukunft testen sollen, haben meist einen absoluten Technologiefokus. Dann wird eine technische Innovation – beispielsweise selbstfahrende Elektrobusse – in ein Quartier gestellt und diese fahren leer herum, weil sie offensichtlich keinen Bedarf decken. Genauso sieht es beispielsweise bei einem Projekt aus, das derzeit auf dem Charité Campus in Berlin stattfindet und satte 4,1 Millionen Euro kostet. Welche Ergebnisse daraus gewonnen werden können – außer: sie fahren, aber keiner fährt mit – bleibt offen.

 

Verstehen, was Menschen wollen

 

Mit dem Projekt „Spurwechsel Zollverein“ geht dynamis zusammen mit seinen Partnern – der Stiftung Mercator, der RAG-Stiftung und der Stiftung Zollverein – in Essen ganz bewusst einen anderen Weg. In einem methodisch durchaus sehr aufwändigen Verfahren werden zuerst die Bedürfnisse der Menschen erhoben. Konzeptionell unterscheiden wir drei Nutzergruppen: Bewohner der Quartiere um das UNESCO-Welterbe Zollverein herum, Beschäftigte, die auf dem Gelände arbeiten und schließlich einmalige Besucher sowie Touristen. Um möglichst genau zu verstehen, welche Mobilitätszukunft sich diese Gruppen vorstellen und auch erträumen, kombinieren wir Elemente von Service Design Thinking und kollaborativer Ideenkreierung. Dabei geht es auch darum nachzuvollziehen, wie die Menschen die Mobilitätssituation heute wahrnehmen, welche Probleme sie erleben, aus welchen Gründen sie dieses oder jenes Verkehrsmittel wählen und auch warum manche Verkehrsmittel für sie „No Gos“ darstellen.

In der Feldphase haben wir drei Typen von Erhebungen durchgeführt: Zum einen kontextuelle Interviews, also Befragungen, die möglichst lebensweltlich, im Alltagsumfeld der Befragten durchgeführt werden. Sie werden ergänzt um Fokusgruppeninterviews. Dies sind Gruppendiskussionen mit Menschen in möglichst spezifischen sozialen Kontexten. In unserem Fall ging es vor allem um die Beschäftigungssituation und das alltägliche Pendelverhalten. Schließlich haben wir Experten danach befragt, wie sich die Anreise für Besucher des Geländes attraktiver gestalten ließe und inwiefern bisher eine Auseinandersetzung mit diesem Thema erfolgt.

Die erste Feldphase ist bereits abgeschlossen und schon vor der abschließenden Auswertung kann man sagen: Es hat sich gelohnt. Wir haben Einblicke erhalten, auf die wir durch bloßes Nachdenken nie gekommen wären. Ein Beispiel: Für viele Menschen mit denen wir gesprochen haben, sind es zwingende äußere Umstände, die ein eigenes Auto besonders erstrebenswert machen. Wer aber erstmal ein eigenes Auto hat, der oder die ist versucht, es auch alltäglich zu nutzen.

 

Zukunftswerkstatt mit den Betroffenen

 

Doch damit haben wir erst ein Etappenziel abgeschlossen. Nun geht es in die Ideengenerierung. Im Januar 2020 laden wir zu einer Zukunftswerkstatt ein. Wir wollen nutzerzentriert und nutzerintegrierend erste Ideen entwickeln und Antworten geben auf die in der Feldphase erhobenen Bedürfnisse, Probleme und Wünsche der Menschen, die rund um das Welterbe Zollverein wohnen, dort arbeiten oder das Areal besuchen.

Unser Ziel ist anspruchsvoll: Das Resultat sollen Prototypen der Mobilität der Zukunft sein, die erstens das bieten, was die Nutzer wollen. Die Prototypen sollen zweitens aber auch einen Beitrag zu der Erfüllung der politischen Ziele, die sich einerseits die Bundespolitik vor allem im Hinblick auf den Klimaschutz und die Dekarbonisierung, andererseits die Kommunalpolitik im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklungspolitik gesetzt haben. Drittens sollen die Prototypen auch systemdienlich wirken – und zwar sowohl auf das Verkehrssystem als auch auf das Energiesystem bezogen. Systemdienlich bedeutet: Wenn die Systeme ausgelastet oder sogar überlastet sind, sollen die Prototypen Entlastung schaffen. Um auch diese beiden Perspektiven zu beachten, werden die Ideen in dem co-kreativen Gesamtprozess weiter ausgestaltet und den Nutzern in einer Re-Check-Phase erneut vorgestellt.

Ganz schön viel vor? Das finden wir auch. Ob wir unserem eigenen Anspruch gerecht werden? Wir werden sehen. Jedenfalls ein guter Grund für: stay tuned!

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